Reto Nause

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 06.06.2013

Riesige Mengen Schmutz und Dreck ergossen sich in kürzester Zeit in die überquellenden Kanäle. Nicht wenige sprachen gar von einer Jahrhundertflut. Kaum ein Ereignis in jüngster Zeit hat die Kommentarspalten der Online-Portale, Facebook-Accounts und Leserbrief-Seiten ähnlich anschwellen lassen wie die Berner «Tanz dich frei!»-Demo Mitte Mai.

Reto Nause
Michael Streun | Michael Streun (Nebelspalter)

Es steht himmeltraurig um den Generationenvertrag. Sofort waren sie zur Stelle, die frustrierten, frühpensionierten Vorstadtrentner in ihren Bünzli-Refugien, wo sie kurzatmig und zittrig vor ihren Windows-98-Rechnern sassen und sich im Zweifingersystem ihren ganzen Hass auf den Wandel der Zeit (seit 1968) und ihr Unverständnis für die heutige Jugend von der Seele schrieben.

Keiner dieser Kommentatoren von «Zesinger Ruedi, Ostermundigen» bis «Gerry Kuster, Sargans» nahm sich die Mühe, die Anliegen der Jugendlichen auch nur ansatzweise zu verstehen. Aber wäre das denn so schwer gewesen? Hat auch nur einer dieser alten Säcke eine Ahnung, was es heisst, in der heutigen Zeit aufzuwachsen? Noch dazu in Bern? Einer Stadt, in der es offensichtlich nicht einmal mehr möglich ist, friedlich mit ein paar Kumpels durch die Gassen zu flanieren und dabei seine freie Meinung zu äussern (auf Häuserfassaden) und andere Leute zu treffen (mit Pyros, Laserpointern und Pflastersteinen) - ohne gleich von Scheissbullen provoziert zu werden?

(Reto Nause ist Berner CVP-Gemeinderat und leitet die Sicherheitsdirektion.)

Wie ist es möglich, dass die Erwachsenenwelt nicht sehen will, wie sehr die heutigen Jugendlichen die Freiräume verloren haben? Wie der Konsumterror sie zwingt, jährlich das neueste iPhone zu kaufen. Wie sie vom Überwachungsstaat genötigt werden, stündlich ihren Gemütszustand («Morgäähn!»), Aufenthaltsort («Ist jetzt hier: Kebab 3000, Bümpliz») oder ihre aktuelle Tätigkeit in der Facebook-Chronik zu posten («LOL, fotografiere in der S4 gerade, wie drei Jungs dem Zugbegleiter-Heini eine Abreibung verpassen, die Bilder sind beim «Blick am Abend» mind. 200 Stutz wert»).

Der Verlust jugendlicher Freiräume geht sogar so weit, dass das kapitalistische System unseren Nachwuchs zwingt, seine konsumkritische Haltung durch den Konsum von Bier und Konservenmusik auszudrücken.

(Nause ist der personifizierte Gegenspieler der anonymen «Tanz-dich frei»-Bewegung.)

Dabei zeigt ein Blick über die Landesgrenzen: Auch heute ist es noch möglich, der Jugend Freiräume zu bieten. Junge Spanier können zum Beispiel frei wählen, im eigenen Land jahrelang arbeitslos zu bleiben oder sich um einen Ein-Euro-Job in Deutschland zu bewerben. Jungen Männern in Aleppo steht es offen, als Zivilist von Heckenschützen erschossen oder für eine Kriegspartei selbst zum Schärgen zu werden. Jungen Frauen in Bangladesch wird nicht vorgeschrieben, ob sie in einer brand- oder aber einer einsturzgefährdeten Fabrik arbeiten dürfen. Das mag alles illustrieren, welche Freiheiten die Schweizer Jugend verloren hat - die Berner Krawalle erklärt das dennoch nicht. Denn unsere Jugendlichen sind, solange sie nicht von Scheissbullen provoziert oder von irgendwelchen Fübüs zurechtgewiesen werden, absolut friedlich.

Hier kann nur ein Blick darauf weiterhelfen, wie Jugendliche in allen Epochen immer schon waren: Es ist nicht Konsumterror, Polizeirepression oder Spiessbürgertum, was unsere Jugendlichen heute zur Weissglut treiben muss - im Gegenteil: Es ist die weitgehend verlorene Freiheit, anders als die Eltern zu sein. Verloren in einer Welt, in der ein 70-jähriger Mick Jagger noch immer den Rock-Revoluzzer mimt, sich die 50-jährige MILF in Miss-Sixty-Jeans zwängt und der Mittdreissiger erst noch «ein paar Jahre für sich braucht», bevor er sich ernsthaft binden will. Eine Welt, in der Jagger, die MILF und der Mittdreissiger noch immer Teil einer permanenten «Rebellion gegen alles» sein wollen und darum viel Verständnis für unbewilligte Demos und Krawalle haben. Das muss doch einfach aggressiv machen.

(Nause ist einer der wenigen, der das durchschaut hat. Deshalb will er nicht «Verständnis zeigen», sondern gegen die Chaoten vorgehen. Und weil er Christ ist, setzt er auf eine höhere Macht. Bisher hat ihm Zuckerberg allerdings noch nicht geantwortet.)

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