Alle Macht den Kartoffelsäcken - brauchts das?

Jan Peters | veröffentlicht am 06.06.2013

Neben den vielen unbestreitbaren Annehmlichkeiten, die ein Dasein in der Schweiz bietet, gibt es aber leider auch Nachteiliges zu berichten. Und dies tritt ausgerechnet immer dann zutage, wenn man denkt: «Jetzt mache ich mir mal einen faulen Sonntag.» Nichts da, ab an die Wahlurne: Wir stimmen ab! Über alles und jedes und immerzu.

Alle Macht den Kartoffelsäcken - brauchts das?
Philipp Ammon | (Nebelspalter)

Sei es Form, Länge und Anzahl der Löcher, die wir in unseren Anteil der Alpen bohren, oder Farbe, Design und Gewicht der Dorfhydranten, Marke und Farbtemperatur von Ersatzbirnen für defekte Strassenlaternen, Sorte des Senfs, der am 1. Au­­gust auf Gemeindekosten der Bevölkerung zu gemeinsam Grilliertem gereicht werden soll etc. etc.: Wir stimmen ab. Vollrohr und ohne Erbarmen. Sehr grosszügig geschätzt sind es zwar gerade einmal an die 40 Prozent der eidgenössischen Wahlberechtigten, die von diesem Recht, um das wir beispielsweise von unseren nördlichen Nachbarn, den Sauschwaben, zutiefst beneidet werden, Gebrauch machen, aber trotzdem: Können könnte jeder, wollen will nicht jeder.

Diese unablässige Votiererei brachte die Schweizerische Volkspartei, intellektuelle Speerspitze der Confoederatio Helveticae, auf eine weitere ihrer zahllosen fulminanten Ideen: «Volksgenossen, warum wählen wir denn eigentlich zur Abwechslung nicht mal unseren Bundesrat, also unsere Regierung, direkt?» Kennern der Schweizer Politikszene muss natürlich nicht weitschweifig erklärt werden, dass dieser so wundervoll als volksnah zu verkaufende Geistesblitz einen ganz anderen Vater als die demonstrativ beschworene Volksfürsorge hat; einen, der einen hässlichen Namen trägt, den niemand öffentlich auszusprechen wagt: «Rache» - Rache für die unaufhörlich brennende Schmach, welche das hinterhältige Parlament der SVP angetan hat, indem es durch Lüge, Intrige und Hochverrat den Häuptling der Vaterlandspartei, einen gewissen Christoph Blocher, durch öffentliches genussvolles Skalpieren Hohn und Spott ohne Ende preisgegeben hat.

Manche Wunden heilt eben selbst die Zeit nicht, und manches schreit bis ans Ende der Welt nach Vergeltung.

Was meint man denn sonst noch so zur Direktwahl des Bundesrates? Der legendäre Oberst und PR-Berater Rudolf Farner soll dazu bemerkt haben: «Mit einer Million mache ich aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat!» Klare merkantile Ansage, die gleichzeitig eine Vorstellung davon vermittelt, welche Qualifikationen man dem SVP-Personal beimessen könnte.

Nun, Kommunikationstechnisch formvollendet und im Sinne dieser allseits vorteilhaften Neugestaltung der Bundesratswahl durfte sich u.a. Yvette Estermann, eine der aufstrebenden, schneidigen SVP-Nachwuchsdamen, in ihrem Blog in derjenigen Form äussern, dass sie zunächst scheinheilig die Segnungen der sozialen Netzwerke preist, denn die meisten Kandidaten - Kandidatinnen gibt es bei Estermann keine, ist das eine verhüllte Form realistischer Selbsteinschätzung? - hätten ja inzwischen eigene Webseiten und könnten auf diese Art und Weise die zutiefst beeindruckte Wählerschaft von ihren unglaublichen Qualitäten überzeugen. Sagte man früher, Papier sei geduldig, so könnte eine linguistische Weiterentwicklung «geduldige Bits und Bytes» zur Sprache bringen. Nach kurzer Vorrede kommt Bloggerin Estermann zu ihres Pudels Kern: «Intrigen und undurchsichtige, unseriöse, demokratieunwürdige Spiele durch das Parlament, wie sie schon mehrmals praktiziert wurden, sind (bei Direktwahl) nicht mehr möglich.»

«Nebi»-Leser durchschauen natürlich solche Spiegelfechtereien und erkennen, dass sich hinter diesen publizistischen Sperrfeuern die 5. Kolonne bereits gemütlich in ihren Schützengräben eingerichtet hat.

Selbstverständlich ist unserer scharfsinnigen Leserschaft sofort aufgefallen, mit welch perfekt synchronisiertem Verwirrspiel der Neuenburger Yvan Perrin und der Walliser Oscar Freysinger die Öffentlichkeit hinters Licht führen. Im welschen Radio erklärt Freysinger, die Aufgabe der Walliser Lehrerschaft bestehe darin, die Kinder von Sans-Papiers zu denunzieren. Im TV sagt er das Gegenteil.

Perrin plaudert im Zusammenhang mit seiner Kandidatur als Staatsrat öffentlich über sein medizinisches Dossier, damit dem Eindruck entgegengewirkt werde, er habe einen an der Waffel.

Und in Wirklichkeit haben beide bereits ihre festen Plätze im zukünftig direkt zu wählenden SVP-Bundesrat: Perrin als Gestapo-Chef, Freysinger als Staatssekretär des Propagandaministers Mörgeli.

Artikel erschienen in der Ausgabe

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