Da wackelt der Säulihintern

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 28.02.2013

Nun haben wir also wieder mal Lebens­mittelskandal. Das Verhältnis der Konsumenten zur Nahrungsmittelindustrie ist hochgradig belastet. Erstmals seit ...

Da wackelt der Säulihintern
Swen (Silvan Wegmann) |

Nun haben wir also wieder mal Lebens­mittelskandal. Das Verhältnis der Konsumenten zur Nahrungsmittelindustrie ist hochgradig belastet. Erstmals seit 1893, als der italienische Gastarbeiter Umberto Ucello herausfand, dass Fleisch­vögel bei uns gar keine Vögel enthalten, vertrauen Schweizer Bürger ihrem Tiefkühlgericht noch weniger als dem Bundesrat.

Das wirklich Erschütternde am aktuellen Skandal ist allerdings weder die unterschlagene Pferdefleisch-Deklaration noch das Ausmass des paneuropäischen Warenverkehrs, sondern die Widersprüchlichkeit der Konsumenten, die von Skandal zu Skandal jeweils aufs Neue verwundert die Augen reiben, als hätte man einem Kind gerade klargemacht, dass der Osterhase nicht existiert. (Nein, liebe Kinder, das war jetzt natürlich nur ein Beispiel, der liebe Meister Lampe existiert natürlich!). Wenige Wochen nach so einem Skandal sind dann die meisten Konsumenten wieder da, wo sie die Wirtschaft am liebsten hat: Zurück im Zweckglauben, dass glückliche Hühner selbst zur Migros-Filiale flattern, um ihr Freilandei in die Schachtel zu legen - oder dass jede Schinkentranche früher fidel in einem Säulihintern zum «Bio! Bio!»-Rapp der fröhlichen Coop-Bauern-WG mitgewackelt hat. (Nein, liebe Konsumenten, das waren jetzt nur Beispiele; selbstverständlich schmeckt der liebe René Schudel für Sie jedes Knorr-Gewürztöpfli liebevoll einzeln ab.)

Kann man sich in einer Welt, die so viel mehr hungrige Mäuler stopft als vor 100 Jahren, und dies zu einem Bruchteil der damaligen Lebenshaltungskosten, tatsächlich immer wieder von Skandalen überraschen lassen? Wir hatten das Leitthema «Man ist, was man isst» bereits geplant, bevor uns die ersten La­sa­g­ne-Schlagzeilen entgegenwieherten. Doch der Mensch ist kulinarisch weder Schwein, noch Pferd, noch Esel. Seien wir ehrlich: Kein Tier hat den Vergleich mit dem Menschen verdient. Der wahre De­kla­rations­skandal betrifft unser eigenes Gewissen - bei den meisten müsste statt «absolut rein» eher «absolut inkonsequent» stehen.

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