Ein (Vor-)Bild von einem Mann

Jan Peters | veröffentlicht am 31.01.2013

Uncoole Verhaltensweisen werden in unseren heutigen multimedialen Zeiten, in denen nur noch die Digital Natives wissen, wo es langgeht, immer inakzeptabler.

Ein (Vor-)Bild von einem Mann
Carlo Schneider | (Nebelspalter)

Als antiquierte Skurrilitäten wären anzuprangern: Erwerbstätigkeit als ernst zu nehmenden Lebensinhalt betrachten, gedruckte Zeitungen lesen - und sogar abonnieren und bezahlen(!), an Wahlen teilnehmen, länger als zwei Minuten NICHT telefonieren/chatten/posten/bloggen und in derselben Zeit KEIN Junkfood in sich hineinstopfen, KEIN Red Bull schlucken, KEINE sinnlosen easyJet-Dumpingpreisflüge buchen, NICHT skypen, e-bayen, tweeten, simsen, KEINE zerfledderten 20-Minuten-Exemplare teilnahmslos in die Botanik feuern.

Ältere Mitbürger sehen dem täglich Anstoss erregenden, eingangs dieses Artikels umrissenen Treiben der Spassgeneration mit wachsendem Unmut zu und lamentieren darüber, dass dem nachrückenden, pausenlos Kaugummi wiederkäuenden, mittels seines Smartphones permanent multitaskend streambloggenden Gelichter der MP3-Junkies neben Sitte, Anstand, Sauberkeit, Höflichkeit, Pünktlichkeit, Zielstrebigkeit, Rücksichtnahme, Zurückhaltung, Ordnungsliebe, Gewissenhaftigkeit, Bereitschaft zur Unterordnung, Gemeinsinn, Pflichtbewusstsein, Sparsamkeit, anständiger Kleidung, gepflegten Frisuren, ordentlich geputzten Schuhen - eigentlich alles fehle und besonders: sich an Vorbildern orientieren zu wollen/können. Beziehungsweise umgekehrt zu eigen sei: die Demontage und Missachtung ehemaliger Autoritäten und Lokalmatadoren wie Eltern, Lehrer, Pfarrer und Gemeindeammann.

Aber halt! Stimmt es denn überhaupt, dass die Jugend überhaupt keine Vorbilder mehr hätte? Denken Sie doch einmal nach; womit rennen Ihnen denn aktuell Swisscom, Orange, Cablecom und andere Protagonisten der schönen neuen digitalen Welten die virtu­elle (und reale) Bude ein? Mit innovativen und in der Tat unverzichtbaren Sendegefässen, - staffeln und formaten. Unter anderem im TV-Format 16:9 versucht man in penetranter Weise, Ihnen Sendungen schwankenden Formats unterzujubeln. Wenn wir unsere Reise durch die nach unten unendlich weit offene Formatskala in der «Dschungelcamp»-Bedürfnisanstalt beginnen ? eigentlich keine im ursprünglichen Sinne der Erbauung oder Belehrung dienende Fernsehsendung, sondern vielmehr ein in Apotheken gegen Rezept abzugebendes Brechmittel ?, dann stos­sen wir weiter oben früher oder später auf ein wehrhaftes Dorf in Gallien, das als einziges nicht von den Römern besetzt wurde.

Checken Sie, was wir hier mit «Format» andeuten wollten? RICHTIG - der einfältige Fettwanst mit der Streifenhose und den Hinkelsteinen, wenn der kein Format hat! Und könnte der nicht ein Vorbild für unsere Halbstarken sein?

Wenn wir jetzt noch einmal an unsere oben aufgestellte Jugendmängelliste denken und sie mit denjenigen Eigenschaften ergänzen, die Gérard Obelix in ganz besonderem Masse auszeichnen, dann müssen wir uns nur initial darüber klar werden, ob seine publik gewordenen Persönlichkeitsmerkmale aus Sicht der Erwachsenen oder der coolen Jugend nachahmenswert erscheinen:


- Depardieu uriniert in einen Aeroplan.- Depardieu stürzt alkoholisiert mit einem Motorroller.
- Depardieu erhält russischen Pass und zahlt weniger Steuern.
- Obelix bezecht sich mit Putin ? und zahlt noch weniger Steuern.

Welche von solch liebenswerten Extravaganzen sollte nun unsere Jugend übernehmen? Diese Entscheidung mögen Sie, liebe Leser, selbst treffen.

Wir möchten noch auf einen anderen Aspekt dieses Themenkreises hinweisen: Warum hat es unser neuer Bundespräsident Ueli Maurer, international einer der besten Bundespräsidenten aller Zeiten, versäumt, Obelix in die Schweiz zu locken?

Wie von den Anhängern der Pauschalbesteuerung monoton dahergeschwätzt wird, hätte es wesentlich zum Imagegewinn der Eidgenossenschaft beigetragen, wenn Depardieu in Helvetien:

- sich mit Maurer besoffen,
- in ein TV-Studio geseicht
- und sich mit einem Velo der weltbesten Armee auf die Fresse gelegt hätte.

Tja, Maurer, das haben wir voll versemmelt, oder?

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