Thomas Minder

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 03.05.2012

Mein lieber Thomas! Anita Fetz, deine Ständeratskollegin vom Rheinknie, hat kürzlich über dich Folgends gesagt: «Minder tut mir leid, er manövriert sich selbst ins Abseits.» Dies, weil du bereits nach wenigen Monaten «z Bärn obe» mit der Keule rumfuchtelst wie ein Geisslechlöpfer am Zentraleidgenössischen.

Thomas Minder
Michael Streun | (Nebelspalter)

Der Witz ist, dass du wahrscheinlich gar nicht begriffen hast, wofür sie dich genau bemitleidet. Ich werde dir erklären, worum es geht. - Wer ich bin? Das tut wenig zur Sache. Du brauchst keinen deiner Ratskollegen zu verdächtigen. Ich bin nicht mehr aktiv dabei, aber einst sass ich nicht weit entfernt von da, wo du jetzt nervös auf deinem «Chindsgi»-Stühlchen rumschaukelst.

Deinen Vergleich vom Ständerat als Kindergarten fand ich übrigens recht passend. Da dürfte es dir ja wohl auch von früher her bekannt vorkommen, wenn einem aufmüpfigen Zappelphilipp erst einmal einige Grundregeln beigebracht werden müssen. Ja genau, wie jene Regel, wonach man während den ersten Sessionen erst mal den Mund zu halten hat.

Du gefällst dir bekanntlich in der Rolle des Robin Hood, als Vertreter des «Kleinen Mannes», in der Rolle des David gegen Goliath, der als Parteiloser im Auftrag des Volkes der Classe politique in Bundesbern mal zeigt, wo der Thomas sein Mundwasser holt. Aber - psst! - jetzt verrate ich dir mal ein ganz geheimes Geheimnis: Genau so sehen sich am Anfang praktisch alle. Sicher! Doch nur die wenigsten sind dumm genug, sich lauthals gegen ein System aufzulehnen, bevor sie erkannt haben, was ihnen dieses System alles zu bieten hat. Die meisten wachsen rasch genug in die wahre Würde ihres Amtes hinein und hängen sich das Bekenntnis zum Volksauftrag nur noch bei Bedarf um, so wie eine Pellerine bei Sudelwetter.

Denn, mein lieber Thomas, der Nationalrat mag ja ein modernes demokratisches Repräsentantenhaus sein. Der Ständerat hingegen ist der Fortbestand der altehrwürdigen Eidgenössischen Tagsatzung. Ganz richtig, mein Teurer, du stehst nun in der Tradition jener gnädigen Herren, die über Jahrhunderte die Geschicke der alten Orte bestimmten - am liebsten in Baden oder Aarau, wo es nebenher an warmen Bädern und dienstbaren «Frouenzimmern» nicht mangelte.

Als Ständerat bist du nicht Vertreter des Volkes, sondern mehr: ein Stück jener ursprünglichen DNA der alten Eidgenossenschaft, die man in den modernen Bundesstaat einbrachte und zur ältesten Demokratie verklärte. Warum wir zum Beispiel darauf beharren, im Rat geheim abzustimmen? Weil unsere Namen nichts zur Sache tun. Weil auf unseren Stimmkarten nicht «Fetz» oder «Minder» stehen würde, sondern «Novartis» oder «UBS». Auch für dich hätten wir ein paar ganz hübsche Interessebindungen - ja, so nennt man das heute - bereitgehalten. Auch wenn es öffentlich jeder bestreitet, gegen das süsse Gefühl, einem kleinen, auserwählten Zirkel anzugehören, ist niemand resistent. Dass auch du den Verlockungen von Macht und Geld erliegen könntest, hast du ja kürzlich bei «Schawinski» eingeräumt: Für 10 Millionen würdest du mit deinem Familienunternehmen dasselbe machen wie all die Gaydouls und Bertarellis vor dir.

Auch du hättest einer von uns werden können: ein ehrenwertes Mitglied der «Chambre de Reflexion», die - nur ein Beispiel - so reflektierte Entscheidungen trifft wie etwa das Importverbot für Delfine, obwohl gerade dadurch den drei Tümmlern, die in Lipperswil noch gehalten werden, eine artgerechte Rudelgrösse verwehrt bleibt. Auch du hättest zu uns gehören können. Wenn du nur so lange geschwiegen hättest, bis auch du dem Reiz erlegen wärst, zu einer exklusiven Elite zu gehören. Du hattest die Wahl. Doch wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Verstehst du jetzt, warum du Anita Fetz leid tust? Sie hatte schon immer ein gutes Herz.

Von alt Ständerat M. R. (Name der Redaktion bekannt)

Artikel erschienen in der Ausgabe

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