Hochzeits-Dramolett in drei Akten

Oliver Hepp | veröffentlicht am 03.05.2012

Dies ist eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch und wenn sie nicht wahr wäre, müsste sie erfunden werden.

Hochzeits-Dramolett in drei Akten
Christof Eugster | (Nebelspalter)

Ouverture
Ragna Mechthild Toensness (*), eine blonde Schwedin und Reto Amischegger aus Zürich hatten sich in Sankt Gallen bei der Ausbildung zur Major Betriebswirtschaftslehre kennengelernt. Sie verliebten sich Hals über Kopf und zwar genau in dieser Reihenfolge. So kam es, wie es kommen musste: Beim nächstmöglichen Schnapszahlendatum ward die Hochzeit anberaumt.

1. Akt
Nachdem die Brauteltern Gunnar und Mathilda Toensness von Stockholm via Kloten eingeflogen worden waren, wurden Reto und Ragna unter Beisein der Trauzeugen Victor und Katja (BWL-Kollegen von Ragna und Reto) in aller Herrgottsfrühe im Zürcher Stadthaus verstandesamtlicht. Die Standesbeamtin überreichte dem Brautpaar eine schöne Fotopostkarte, auf der sich zwei Sonnenblumen im Mondenschein umarmten. Umflort wurde die Zweisamkeit durch einen Sinnspruch von Jeremias Gotthelf: «Es ist mit der Liebe auch wie mit anderen Pflanzen: wer Liebe ernten will, muss Liebe pflanzen.» Nach diversen Amtlichkeiten und einem Sinnspruch der Standesbeamtin, den diese Gottfried Keller entlehnt hatte ? «Wo das Glück einmal einkehrt, da greift es leicht um sich» ? wurden Ragna im Deuxpièces und Reto in einem neutral-dunkelblauen Prêt-à-porter-Anzug mit einem zur Braut passenden Blumengesteck am Revers auf direktem Weg vor das Stadthaus zum bereits zweiten Fototermin des Tages geleitet. Danach gab es den ersten Apero des Tages. Die Braut präsentierte ihren druckfrischen Schweizer Personalausweis, der auf den Namen Ragna Mechthild Toensness?Amischegger aus­ge­stellt war, was vor allem der schwedischen Brautmutter spanisch vorkam.

2. Akt
Ein fröhlich hupender Autokonvoi bewegte sich in Richtung ländlicher Kapelle in romantischer Umgebung. Ragna, die inzwischen unter der zöflichen Mithilfe Katjas von ihrem eierschalenfarbenen Deuxpièces in einen Baiser-Traum aus fluffigem Schneeweiss umdekoriert worden war, entlockte ihrer Mutter eine erste, aber nicht die letzte Träne. In der geschmückten Kapelle wurden Reto und Ragna im Namen von Glaube, Liebe und Hoffnung getraut, bis dass der Tod sie schiede. Die Sonne schien, als gelbe, blaue und weisse Luftballone mit segensreichen Wünschen in einen hellblauen Himmel getragen wurden. Der Autokonvoi, bewimpelt mit Schleifchen an Antennen und Stossstangen und hinter die Scheibenwischer drapierten Parkbussen, die dort während des standesamtlichen Vorspiels in der Innenstadt von alleinstehenden Politessen liebevoll angebracht worden waren, bewegte sich nun noch fröhlicher hupend Richtung Lenzburg, wo das Hochzeitsfest stattfinden sollte. Nach einem zweistündigen Stau im 1,1 Kilometer langen Bareggtunnel traf die Hochzeitsgesellschaft am Fusse des Schlossberges ein. Hier wurde der dritte Apero des Tages allgemein willkommen geheissen. Beim mittlerweile vierten Fototermin wurde das Brautpaar vor, hinter, neben, vor allem aber in der Kutsche, in allen nur denkbaren Kombinationen abgelichtet, was die Abfahrt der Hochzeitskutsche erheblich verzögerte und das ohnehin dürftige Outdoor-Catering an den Rand seiner Kapazitäten brachte. Schliesslich nahm das Brautpaar im Einspänner die steile Trasse zur Lenzburg in Angriff, während die bereits stark angetrunkene Hochzeitsgesellschaft sichtlich ernüchtert den schlüpfrigen Weg hinauf zu Fuss bewältigte.

Im Schloss angekommen, verzögerte sich der erste Gang, da die Braut ein drittes Mal renoviert wurde. Als Ragna, jetzt als Wolke in Weiss, gespickt mit roten Seiden­rosen erschien, war das Erstaunen gross. Sie hatte ihre strohblonden schwedischen Korkenzieherlocken von Fredi aus dem Salon Million-Hair auf «Ravenstyle» d.h. auf pechschwarz-fedrige Fransen umfrisieren lassen, was wiederum die Brautmutter dazu veranlasste, die erste Vorspeise ? ein kunstvoll in einen Fingerhut gepresstes Oliven-Geranium-Tomatenparfait, bestäubt mit einem Hauch aus gerösteten dalmatischen Krausnüssen ? ungegessen zurückgehen zu lassen. Zum zweiten Gang gab es je ein Blatt Krachsalat, in dem in Sütterlinschrift mit Crema di Balsamico kunstvoll die Buchstaben R & R gemeisselt waren. Nach dem Krachsalat gab Retos Onkel Gusti aus Muttens bei Pratteln eine ausgiebige Schnitzelbank zum Besten, die allerdings nur von den Schweizern, und auch von diesen nicht wirklich goutiert wurde. Bevor als Hauptgang die allseits sehnsüchtig erwartete pochierte Kalbsnuss gereicht werden konnte, wurde ? ein genialer Einfall der Trauzeugen ? die Sitzordnung verändert. Dies hatte zur Folge, dass der Brautmutter, die man jetzt zwischen Retos Eltern platziert hatte, urplötzlich bewusst wurde, dass sie ihre heiss geliebte Tochter für immer in die Schweiz verlieren sollte, worauf sie in einen heftigen Weinkrampf verfiel. Man brachte die herzzerreissend Schluch­- ­zende in ein anliegendes Nebenzimmer, wo die Mutter von der Tochter getröstet wurde, was jedoch zur Folge hatte, dass diese ebenfalls in einen hartnäckigen Weinkrampf verfiel. Währenddessen vertrocknete in der Küche die pochierte Kalbsnuss.

3. Akt
Der für diesen Abend engagierte Künstler, dem die zwischenzeitlichen Vorgänge in seiner abgelegenen Garderobe verborgen geblieben waren, wurde vom Organisator Victor gebeten, seine lustigste Nummer, die er eigentlich zum Dessert geplant hatte, vorzuverlegen ... um die Stimmung zu heben, wie sich der Trauzeuge geheimnisvoll ausdrückte. Der Künstler betrat einen Saal, der aus ihm unerfindlichen Gründen in gespenstische Stille gehüllt war. Verwundert, doch professionell gab er daraufhin seine überraschende und lustigste Nummer zum Besten, die in ihrer genialischen Anlage lachend begann und aufgrund einer inszenierten Unpässlichkeit in Form eines gespielten Texthängers in einem markerschütternd gespielten Weinkrampf endete. Dieser auf jeder Hochzeit todsichere Brüller war betitelt mit «Verwandtschaftliche Beziehungen.» Der Künstler, der sich zu den Schlussakkorden kunstfertig verkrümmt auf dem Boden wälzte, nahm leicht befremdet zur Kenntnis, dass inmitten der ansonsten scheinbar versteinerten Gesellschaft sich einzig die Braut herzlich über seine Darbietung zu amüsieren schien, bis er ? durch den flachen Winkel seiner liegenden Position begünstigt ? bemerkte, dass das hysterische Gekicher der Braut in Tat und Wahrheit ein schmerzensreicher Weinkrampf zu sein schien, woraufhin der Künstler seine Darbietung ohne viel Aufhebens beendete und wortlos den stillen Saal verliess. (**) Die Brauteltern und Ragna wurden daraufhin in das nahe gelegene Gasthaus «Zum Frohsinn» gebracht. Die Schweizer Hochzeitsgesellschaft verblieb in der Lenzburg und gab sich die Kante.

Epilog
Ragna kehrte zurück in ihr kleines Dorf in Südschweden und ehelichte dort Holger Olafson, den Besitzer des lokalen Gartencenters Blomsterdroemme. Davor aber wurde die Ehe zwischen Reto und Ragna stillschweigend und in gegenseitigem Einverständnis geschieden. Der Tod ging dabei leer aus.

(*) Alle Namen von der Redaktion geändert.
(**) Der Künstler gab noch am selben Abend seinen Beruf auf und arbeitet jetzt als Nachtwächter im Migros Verteilzentrum Suhr.

Artikel erschienen in der Ausgabe

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