And the winner is?

Jan Peters | veröffentlicht am 03.05.2012

Frankreich hat gewählt. Das wussten Sie. Und wer wird schliesslich im 2. Wahlgang am 6. Mai siegen? Das wissen Sie noch nicht. Aber wir.

And the winner is?
Petar Pismestrovic | (Nebelspalter)

Damit bis Anfang Mai nicht Verunsicherung herrscht, gibt der 'Nebelspalter' am Ende dieses Artikels den Namen des neuen französischen Präsidenten bekannt. Zwei faustdicke Überraschungen gleich einmal vorweg: Weder Louis XVII als Vertreter des Adels noch Jeanne d'Arc als Quotenfrau ziehen in den Elyséepalast ein. Hier exklusiv die einzige von uns autorisierte Analyse des 1. Wahlgangs:

Piratenfrei
Beginnen wir mit Erfreulichem: Sowohl die Piratenpartei als auch die SVP gingen bei der Wahl leer aus. Sollten Sie jetzt ungefragt einwenden, dass diese obskuren Typen in Frankreich ja auch gar nicht kandidiert haben, so entkräftet das noch lange nicht unser Diktum, dass diese Parteien am 22. April auch nicht gewonnen haben!

Wer stand denn nun aber tatsächlich zur Wahl in La France? Beginnen wir mit denjenigen, die besser gar nicht hätten kandidieren sollen; da wäre zunächst der Front National von Frau Marine Le Pen, die Frankreich heroisch wie ein Kreuzritter gegen die Islamisten verteidigt. Sie selbst betrachtet sich als einzigen Mann in Frankreichs verweichlichter Politszene - und sieht auch entsprechend aus.

Beim Führer gabs diese Seilschaften der geistig Umnachteten inhaltlich auch schon mal, sie wurden damals Volkssturm und/oder Der Werwolf genannt. Im heutigen Deutschland bezeichnet man sie als NPD/NSU, in Norwegen heissen sie Breivik. Hätte sich die Vernunft des Menschen seit der Französischen Revolution in gleicher explosiver Weise entfaltet wie die Produktivkräfte des Kapitalismus: «Werwölfe» und ähnliches Raubgesindel wären nur noch mit Sonderbewilligung im Museum mit Gruseln zu bestaunen.Dass dem bedauerlicherweise nicht so ist und diese Brunnenvergifter immer noch Zulauf haben, davon zeugen die 18?% der Marine Le Pen im 1. Wahlgang.

Sarko
Anderer Kandidat war jemand namens Sarko. Er führte den Wahlkampf unter dem Motto «La France forte», was auf Deutsch der Zusicherung entspricht: «Wenn ihr Deppen mich nicht wählt, gehe ich aus 'Frankreich fort'!?» Übrigens engagierte er sich während der präsidialen Kampagne eher lustlos, denn statt durch die Provinz zu tingeln, wäre er lieber ins Pariser Nobelrestaurant «Le Fouquet's» standesgemäss soupieren oder mit einem seiner engen Millionärskumpels auf mondäne Segeltörns im Mittelmeer gegangen.

Da ihm dies aber von der missgünstigen Journaille erneut angekreidet worden wäre, tat er wenigstens so, als lägen ihm die Sorgen der Bevölkerung am Herzen. Ein Szenario, in dem er sich allerdings kuschelig zu fühlen schien, fand er in Toulouse nach dem Amoklauf eines Kamikazemörders mit Migrationshintergrund, den Sarkos Wahlkampfleiter eigens gechartert hatte, um das tolle Krisenmanagement seines Lehnsherrn vor dem unschlüssigen Volke zu demonstrieren. Die Thematisierung der solchen Gewaltexzessen zugrunde liegende Problematik, welche die Ex-Kolonialmacht Frankreich in die verwahrlosenden Vororte abgeschoben hat, unterblieb selbstverständlich - damit gewinnt man keine Wähler.

Contre la gare
Trotz seiner im 1. Wahlgang erzielten 26?Prozent ist Sarkos Zeit abgelaufen und er wird im 2. Wahlgang scheusslich einen an den Bahnhof kriegen - dieses Bonmot jetzt aber leichtfüssig ins Französische mit «il va terriblement obtenir un contre la gare» zu übersetzen, wäre grundfalsch; dies linguistisch am Rande bemerkt, wo wir doch justement français parlieren!

Kommen wir nun zur Arbeiterklasse, dem unbekannten Wesen, das vor einer doppelten Schwierigkeit stand, denn: a) betrachtet sich niemand mehr als ihr zugehörig, schliesslich hat «man» ja Besitztümer. Dass die Bank einem diese vermeintliche Habe jederzeit wieder wegnehmen kann, steht auf einem anderen Blatt und wird verdrängt, und b) betrieb die Linke erneut ihr Lieblingsspiel der masochistischen Zersplitterung.

Sollte die classe ouvrière, wer immer das ist, François Hollande von den Sozialisten oder Jean-Luc Mélenchon vom Front de Gauche wählen? Um unsere Wahlanalyse zu internationalisieren, Mélenchon, der ehemalige Trotzkist, war aus Sicht der Schweizer Banken der einzig Wählbare, hatte er doch angekündigt, alle Monatseinkommen ab EUR 30?000 zu 100? Prozent zu versteuern, was zumindest der Eidgenossenschaft neue Kapitalzuflüsse verheissen hätte. Der Verdacht liegt nahe, Mélenchon steht auf der Lohnliste der UBS. Hat zufällig jemand eine entsprechende CD zu verkaufen? Kontaktmöglichkeiten im Impressum dieses Heftes.

Eine Addition der Resultate der Sozialisten mit 29?Prozent und Mélenchons mit 11?Prozent gibt Hinweise auf die Stärke einer hypothetischen Volksfront.

Ferner liefen: François Bayrou, Zentrum, Eva Joly von den Ökos und einige andere eher Unbekannte, die in Frankreich keine politischen Blumentöpfe gewinnen konnten.

Um alle Einzelheiten zu Hollan­­des definitivem Sieg über Sarko im 2. Wahlgang sowie die neue Regierung zu erfahren, könnten Sie sich am 7. Mai einfach mal eine Zeitung an einem Kiosk kaufen. Wissen Sie noch, was das ist - so eine altmodisch gedruckte Zeitung?

Artikel erschienen in der Ausgabe

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