High Noon im Bundesburn (Dt.: «Fünf vor zwölf, Jonny»)

Roland Schäfli | veröffentlicht am 16.05.2011

Gefühlt hat der Wahlkampf 2011 erst gerade angefangen. Da erstaunt die Tatsache, dass das Drehbuch dazu längst geschrieben ist. «High Noon in Bundesburn»: Wir bringen einen exklusiven Vorabdruck.

High Noon im Bundesburn (Dt.: «Fünf vor zwölf, Jonny»)
High Noon in Bundesburn (Nebelspalter)

Irgendwo im Wilden Westen an einem kalten Dezembertag, der rein zufällig auch Gary Coopers 50.?Todestag war: Die Sonne brannte unbarmherzig auf das kleine Nest namens Bundesbern. Im Rathaus war Bischof Vitus gerade im Begriff, den FDP-Sheriff mit seiner wunderhübschen jungen BDP-Braut zu vermählen: John Schneider-Ammann und Eveline. 

 

Bischof Vitus: Wer gegen diese Fu-

sion etwas einzuwenden hat, spreche jetzt oder schweige für immer ?

 

Die Festgemeinde zuckte zusammen, als die Bahnhofvorsteherin Doris wie eine Paketbombe hereinplatzte und mit geweiteten

Augen schrie: 

 

Bahnhofvorsteherin Doris: Die Grünliberalen warten am Bahnhof auf den Mittagszug! Sie haben umstürzlerische Absichten!

Sheriff John: Wo kämen wir denn da hin, wenn ein echter Patron sich von jedem herbeigelaufenen Revolutionär so einfach aus dem Amt jagen liesse. 

Bahnhofvorsteherin Doris: Ich wollte sie als Pendler speziell besteuern, da wurden sie böse und sagten, wäre nicht die Bahn der grösste Stromfresser der Schweiz, könnte man Mühleberg abstellen! Sie erwarten mit der S-Bahn um zwölf den Bäumle! 

Alle im Chor: Den Bäumle!!!

 

Ein kollektives Zittern ging durch die Versammelten. Allein der Name des Revolverhelden Bäumle sorgte in Bundesbern für Angst und Schrecken. Er hatte geschworen, gegen John Schneider-Ammann anzutreten und ihn aus dem Bundesrat zu vertreiben.

 

Eveline: Du darfst nicht antreten, John!

Sheriff John: Hör auf, du hörst dich ja schon an wie Blochers Frau. 

Bischof Vitus: John ? vielleicht solltest du wirklich den Bundesrat verlassen. 

Sheriff John: Ich habe noch genug Zeit, um in Bundesbern Wahlhelfer zu finden. Wenn einer zurücktreten sollte, dann ja wohl du, Vitus ?

Bischof Vitus: ICH gehe erst, wenn ich den Befehl von GOTT persönlich erhalte. 

Bahnhofvorsteherin Doris: Für dich ist ein Telegramm aus Rom gekommen, Vitus. 

Bischof Vitus: Bin schon unterwegs!

Leder knarrte geräuschvoll, als John Schneider-Ammann seinen Revolvergurt richtete und einen Blick auf die Swatch an seinem Handgelenk warf, die ihm zuverlässig-pünktlich anzeigte, dass der Werkplatz Schweiz gesichert war. Die Zeiger standen auf halb zwölf. 

 

Eveline: Die Stadtpolizei sollte mit Wasserwerfern gegen diese nicht bewilligte Machtübernahme einschreiten. 

Ein Statist namens Leupi: Die Stapo streikt. Und keiner weiss wieso.  

Bahnhofvorsteherin Doris: Die jungen Grünliberalen wollen sich zudem mit den Oldtimern von EVP und CVP verbünden. 

Sheriff John: Da müsste doch Weko einschreiten?! Diese Fusionen der Mitteparteien verstossen klar gegen Law & Order des Kartellgesetzes!

 

Deputy Weko trat mit gesenktem Blick vor.

 

Deputy Weko: Sorry, Sheriff. Die Grünliberalen vermehren sich einfach zu schnell. Sie sind nicht greifbar! Keiner weiss, wie sie aussehen. (Weko legte seinen Stern ab.) Du bist allein auf dich gestellt, John. 

Sheriff John: Nicht ganz allein. Ihr vergesst wohl meine Fusion mit Eveline von der BDP. Eveline? Eveline! 

 

SCHNITT

 

Die einsame Figur Sheriff John Schneider-Ammann ging allein die staubige Strasse von Bundesbern hinunter. Der Wind blies ein Bündel zusammengeknüllte FDP-Flyer mit dem Titel «Aus Liebe zur Schweiz» vor sich her. Aus dem Bellevue-Saloon klang traurige Pianomusik, zu der eine Stimme sang:

 

Do not forsake me, FDP

Denn das tut furchtbar weh

Do not forsake me, o my darling

Sonst bleibt mir nur der Landesring

 

Der Sheriff stiess die Schwingtüren auf. An der Bellevue-Bar tranken Farmer zweitklassigen Denner-Wein. Niemand blickte Schneider-Ammann ins gekniffene Auge. 

 

Sheriff John: Ich brauche Freiwillige beim Kampf gegen die Grünliberalen. 

 

Der Mann, der offenbar Sprecher der Farmer war, drehte sich um: 

Hansjörg Walter: Sie haben uns mit der Agrarpolitik im Stich gelassen, Sheriff. Nun sehen Sie selbst zu, wie Sie mit Bäumle fertig werden. (Er spuckte beeindruckend gekonnt in einen goldenen Napf mit der Aufschrift «Subventionen»)

 

Da erblickte das wachsame Auge des Hüters des Werkplatzes in einer dunklen Ecke einen Mann, den mehrere Wahlniederlagen zum Wrack gemacht hatten. Er wurde herumgeschubst, als er sich bei jedem im Raum anbiederte. 

 

Pelli: Darf ich in deinem Club mitmachen? Darf ich in deinem Club mitmachen?

 

Doch keiner nahm Notiz von dieser vergessenen Polit-Ruine. Schneider-Ammann hasste es zu sehen, wie tief sein früherer Sattel-Gefährte Pelli gesunken war.

 

Sheriff John: Du musst freisinnig bleiben, Pelli! Wir zwei, wir können es auch alleine schaffen! 

 

SCHNITT

 

Der Kirchturm schlug viertel vor zwölf. Leder knarrte, als die einsame Gestalt des Sheriffs die Strasse hinunterschritt. Bundesbern war wie ausgestorben. Keine Partei wagte, die Nase aus dem Fenster zu stecken, aus Angst, ein Grünliberaler würde sie ihr abschiessen. Aus dem Geschäft des Leichenbestatters klangen Arbeitsgeräusche. Er baute bereits eine Urne für den Sheriff, in der man ihn an der Bundesratswahl beerdigen würde. Währenddessen pfiff Leichenbestatter Schwaller froh ein Lied: 

 

Do not forsake me, BDP und EVP 

Kommt zur Mitte zur CVP 

Do not forsake me, o my darling

Zusammen sind wir ein Mitte-Drilling

Komm doch zur grossen Mitte

Komm zur bürgerlichen Titte

Sonst gibts von der GLP Fusstritte 

Tralala ? 

 

Aufgewühlt stiess John Schneider-Ammann die Tür zu Schwallers Leichenbestatter-Institut auf.

 

 

Sheriff John: Du hast die Mitte verraten, Urs! 

Schwaller: Die Programme der GLP und der EVP stimmen zu 80 Prozent mit unserer CVP überein! Nun ist der Moment, seine Freunde neu zu wählen, John! Gemeinsam können wir eine einzige grosse Mitte werden! Sag einmal, hörst du auch dieses Pfeifen, John ?? 

Sheriff John: Klingt wie eine alte Lokomotive, die man nochmals aus dem Depot geholt hat ? der Blocher-Express? 

Schwaller: Da pfeift der Mittagszug, John.  

 

SCHNITT

 

Die Sonne stand im Zenit, als Bäumle rasch aus dem Schnellzug stieg und sofort seinen Gurt mit dem Atom-Strahler umschnallte. Überhaupt war alles, was er tat, sehr schnell, was ihm den Ruf des schnellsten Politikers westlich des Rio Rhone eingetragen hatte. Er führte die kampfbereite Gruppe von GLP, EVP, CVP und BDP an. Sie gingen nicht in der Mitte der Strasse, sondern nahmen die ganze Bundesgasse von links nach rechts ein. 

 

Der Sheriff schritt in der Mitte der Main Street langsam, ohne jede Hilfe und ohne Dossierkenntnisse, auf und ab. Da winkte aus einer Gasse ängstlich der Bürgermeister den Sheriff zu sich. Als Chef von Economie Suisse sah Gerold Bührer es als seine Pflicht an, Schneider-Ammann eine letzte Warnung zu geben. 

 

Gerold Bührer: Die Zersplitterung der Mitte macht die Diskussion über wirtschaftspolitische Anliegen schwieriger, John. Die FDP muss definitiv einer starken Mitte-Koalition beitreten! 

Sheriff John: Auch du, Gerold. Nur, weil es jetzt für uns Wirtschaftsvertreter ein bisschen schwieriger wird. Klar, früher brauchten wir nur einem oder zwei FDP-Nationalräten zu sagen, wie sie stimmen sollten. Jetzt müssten wir gleich die ganze breite Mitte schmieren. 

Plötzlich zerriss die schrille Stimme von Bäumle die Mittagsruhe: 

 

Bäumle: Eine Atomkugel trägt deinen Namen, Schneider-Ammann! Du kannst dich jetzt nicht mehr hinter dem Werkplatz verstecken! Deine Wähler haben dich verlassen, Sheriff! Diese Stadt ist nicht gross genug für uns beide! 

 

Der Hüter des Werkplatzes Schweiz knarrte. Überhaupt war es nicht Leder gewesen, das bisweilen bei seinen Bewegungen knarrte, sondern er selbst. Denn John Schneider-Ammann war, was kaum jemand wusste, zäh wie Leder. Er feuerte eine Salve von Argumenten auf seine Gegner ab:

 

Sheriff John: Wann wollt ihr denn den Atomausstieg beginnen? Wie wollt ihr den wachsenden Strombedarf ohne Atomstrom decken? Was tut ihr ohne Atomkraft gegen den wachsenden CO?-Ausstoss? Wollt ihr Sonnenkollektoren in jedem Stadtbild? In welche Landschaften genau wollt ihr denn die turmhohen Windräder stellen? Welche Gebirgstäler wollt ihr für neue Wasserkraftwerke überfluten?

 

Die Figuren links und rechts neben Bäumle wankten und fielen um. Der GLP-Anführer erkannte, dass der Wirtschaftsminister zwar auch keine Antworten hatte, aber immerhin die Fragen kannte. Er steckte schnell seinen Atomstrahler zurück. 

 

Bäumle: Du bist heisser als ein alter Brennstab, John Schneider-Ammann ? Aber wir werden uns eines Tages wiedersehen! 

 

Und fuhr in einem Elektromobil geräuschlos davon. Nun strömten die Bewohner von Bundesbern freudig herbei und umringten ihren Bundesrat, dem sie stets die Treue gehalten hatten und skandierten, «Für die Liebe zur Schweiz» möge er sich zur Wiederwahl aufstellen lassen. Doch Schneider-Ammanns Gedanken waren woanders. Er dachte an die Ruhe seiner früheren Arbeit als Vormann der Swissmem-Ranch, als er nicht ständig Resultate vorweisen musste, und vielleicht, dachte Schneider Ammann für sich, vielleicht sollte ich wirklich den Staub dieser Stadt von meinen Stiefeln schütteln.

 

THE END

 

 

Roland Schäfli

Artikel erschienen in der Ausgabe

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