Grünzungenkrankheit

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 17.04.2011

Sie sind unter uns! Über Nacht ist Realität geworden, was uns bisher nur in Science-Fiction-Romanen begegnet ist: Die grünen Männchen sind da. Sie reissen weltweit die Macht an sich. Baselland, Baden-Württemberg und Zürich sind bereits gefallen. Besonders überraschend daran: Sie kommen nicht vom Mars, sondern aus unseren eigenen Reihen.

Grünzungenkrankheit
Swen (Silvan Wegmann) |

Die Radioaktivität, die seit dem Reaktorunfall vom 11. März freigesetzt wurde, hat bereits bei Millionen von Menschen und Tausenden von Politikern die Grünzungenkrankheit ausgelöst. Hinter vorgehaltener Hand sprechen Experten längst von einer Pandemie, warten aber noch ab, ob ein Befall Betroffene nur einige Wochen an Moralinübersäuerung leiden lässt und die Symptome ? grün verfärbte Zunge und angeschwollenes Kurzzeitgewissen ? nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden, oder ob die Epidemie die Persönlichkeit letztlich irreversibel verändert.

 

Eine erste immunologische Analyse, die zum jetzigen Zeitpunkt bestenfalls als vorläufig betrachtet werden kann, legt den Schluss nahe, dass in der Schweiz lediglich Mitglieder der SVP Resistenzen gegen das Phänomen entwickeln konnten. Sämtliche anderen Parteibindungen bieten offenbar wenig Schutz und unterscheiden sich höchstens graduell im Grünbefall. Alle Hoffnungen ruhen deshalb auf der SVP. Allerdings ist es im Moment noch nicht gelungen, die Grünzungenkrankheit mit einem SVP-Beitritt zu behandeln, ohne fatale Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen: Alle Probanden entwickelten unkontrollierbare Kausalitätskettenreaktionen und führten in der Folge zwanghaft alle Probleme auf Ausländer zurück. In einigen Fällen kam es zur Mandelkernschmelze und zur  Freisetzung des Isotops Xenobpobium-1291. Toni Brunners Gehirn wird etwa seit Tagen erfolglos mit Wasserwerfern und Löschhelikoptern gekühlt, doch noch immer gelangen ultrareaktionäre Partikel massiv über dem Grenzwert in die Umwelt. 

 

Natürlich will hier niemand die wieder erwachte Anti-AKW-Bewegung schlechtreden. Eine breite, sachliche Debatte ist tatsächlich sinnvoll und notwendig. Hochproblematisch ist aber, dass unsere politischen Mechanismen aus dem 19. Jahrhundert zunehmend mit der modernen Liveticker- und Instantvoting-Kultur kollidieren. Der Atomgegner von heute möchte die Welt sofort retten und nicht noch lange pragmatische Lösungsansätze diskutieren. Denn wer weiss schon, welche Apokalypse es morgen abzuwenden gilt ? genauso erfolgreich, wie wir bereits Katastrophen wie den Klimakollaps, das Ozonloch oder den Welthunger überwunden haben. Und deshalb zu Recht nicht mehr davon sprechen müssen. 

 

 

Marco Ratschiller

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