Kardinal Koch

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 02.12.2010

Karrieren im Vatikan starten üblicherweise erst in einem Alter durch, in welchem französische Beamte schon zehn Jahre die Seniorenkarte besitzen oder sich Schweizer Altbundesräte ihren Ruhestand mit Implenia-Mandaten vergolden lassen: Nun sind wir also Kardinal – und das heisst, mit der Wahrscheinlichkeit eines Tombola-Losgewinns sind wir sogar bald schon Papst!

Kardinal Koch
Hörmen (Hermann Schmutz) | (Nebelspalter)

Kardinäle unter achtzig Jahren (gewissermassen die römisch-katholische Version von Jugendparlament) gehören zu den Auserwählten, die dereinst den nächsten Papst unter sich ausmachen werden. Umgekehrt bestimmt der amtierende Papst mit seinen Ernennungen ins Wahlgremium, wer künftig bei der Regierungswahl das Sagen hat. Diese Form von reziproker Demokratie wird übrigens auch in offenen Gesellschaften wie Burma oder im Iran erfolgreich angewandt. Knapp die Hälfte der aktuell 121 wahlberechtigten Kardinäle wurden zum Beispiel von Benedikt XVI. eingesetzt. Und einer davon ist nun also Kurt Koch.

Der frisch gewandete Purpurträger, der gemäss Zeitungsinterviews im Moment in der Tiberstadt noch aus Kisten lebt, wurde über sein Kardinalsamt hinaus von Josef Ratzinger als Ökumene-Minister eingesetzt, der in dieser Funktion beispielsweise diese Woche das Ehrenoberhaupt der Ostkirche in Istanbul zum Dialog treffen wird. Koch? Dialog? Da werden nicht nur einige Schäfchen auf dem kirchlichen Weidgrund bei Röschenz überracht aufblöken. Doch zu Hause im Bistum Basel, der grössten Schweizer Diözese, ist ja nun mit Felix Gmür ein anderer angetreten, um im ehrenvollen Amt vom jungen Hoffnungsträger zum durch Rom zurückgebundenen Starrkopf heranzureifen. Kardinal Koch im fernen Rom hält das freilich nicht davon ab, sich selbst auch über seine Schweizer Landsleute zu äussern: Diese seien im Glauben, alles besser zu wissen als andere, und zeigten sich grundsätzlich ablehnend gegenüber dem, was aus dem Vatikan komme.

Die Pointe daran ist, dass Ökumenen-Kurt mit seiner Aussage natürlich richtig liegt. Auch sein Nachfolger Felix Gmür hat diese Woche in einem Interview darauf hingewiesen, dass «der Glaube kein Mittagsmenu ist, das man sich nach Belieben zusammenstellen kann». Denn das, was die monotheistischen Religionen über Jahrhunderte so erfolgreich gemacht hat, sind nicht «Wie legen wir Gottes Wort heute nach dem Zeitgeist aus?»-Bibelgruppen, sondern der universale Anspruch ihrer Glaubensinhalte. Ein Anspruch, wie wir ihn beim Islam einerseits fürchten, und beim Katholizismus andererseits lächerlich machen. Die Schweizer Gesellschaft lebt in einer halb zu Ende gebrachten Aufklärung, die sich wundert, warum man bei Religionen und ihren Dogmen nicht einfach einen eidgenössischen Kompromiss aushandeln kann wie bei der Linienführung der neuen Alpentransversale.

Basisdemokratie und Pluralismus in zentralen Glaubens- und Wertefragen sind mit der Grund-DNA der grossen Religionen schlicht unvereinbar, selbst bei jener, die «Reformation» als Alleinstellungsmerkmal im Namen trägt. Wenn Kurt Koch nun als Präsident des päpstlichen Ökumene-Rats den Dialog mit anderen Konfessionen sucht, tut er dies weiterhin unter der auch von Benedikt XVI. bestätigten Prämisse, als Vertreter der einzigen wahren Kirche Christi zu sprechen.

Aber seien wir ehrlich: Wie wichtig (für uns und unsere Kinder) könnte uns eine Religion noch sein, die offen einräumen würde, lediglich eine gleichwertige Alternative unter einem Dutzend anderer Glaubensrichtungen zu sein - als ginge es um die Getränkeauswahl bei Starbucks?


Nüchtern betrachtet ist freilich jede Religion, die Gottes Wort und Gottes Wille für sich reklamiert, irgendwie lustig. Der jüdische Jahwe kam erst dank Anleihen beim alt­ägyptischen Sonnengott Aton und dank babylonischer Gefangenschaft auf die Idee, nicht nur Stammesgott einer Nomadensippe, sondern überhaupt der einzige im All zu sein. Und die neutestamentarischen Evangelisten beschrieben frühestens drei Generationen nach Jesus dessen Leben und Wirken als «Zeitgenossen», und es dauerte vier Jahrhunderte, bis in der Bibel ungefähr das stand - und auch das nicht stand - was wir heute kennen. Gut, Sie mögen entgegenhalten, was sind schon vierhundert Jahre? Europa sieht ja heute auch noch so aus wie vor dem Dreis­sigjährigen Krieg.

Mit den Widersprüchlichkeiten des Alltags wird sich Kardinal Koch in Rom glücklicherweise nicht mehr allzu intensiv beschäftigen müssen. Schon gar nicht mit dem helvetischen Alltag, in welchem die Kritik an kirchlichen Fehlern nur noch von den Witzen über Zölibat, jungfräuliche Empfängnis und päpstliche Präservativ-Dialektik übertönt wird - ein Alltag, in dem aber zugleich Plakatverbote, Medienhetze und Morddrohungen auf jene Freidenker warten, die eine mangelnde Trennung von Kirche und Staat monieren und sich gegen Kruzifixe im Schulhaus wenden. Koch-Nachfolger Gmür hat sich zum Amtsantritt gewundert, dass sich an religiösen Symbolen immer nur Freidenker stören, nicht andere Glaubensrichtungen. Wir wundern uns, dass in der Schweiz vor Jahresfrist zur Minarett-Abstimmung rund 3,5 Millionen Freidenker lebten.

Derweil scheint Kochs Direktvorgesetztem Benedikt XVI. mit seinem Interviewband ein wahrer PR-Coup und Bestseller gelungen zu sein. Bis jedoch der Allmächtige selbst mit einem Interviewband mal endlich einiges klarstellt, können wir uns hienieden bestimmt noch eine Weile die Köpfe einschlagen darüber, wer im Recht ist.

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