Jean-François Rime

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 01.10.2010

Jean-François Rime
Hörmen (Hermann Schmutz) | (Nebelspalter)

Das Haus an der Gerechtigkeitsgasse war mir zuvor nie aufgefallen. In Berns barock bis klassizistisch geprägter Altstadt konnte eine solche versponnene Jugendstil-Fassade eigentlich nicht untergehen, sollte man meinen, selbst wenn sie aus demselben charakteristischen Molasse-Sandstein der Region gefertigt war wie alle Anrainergebäude. Die gemeisselte Inschrift über dem Torbogen, «Haus der Allegorien», war verwittert und russgeschwärzt, obwohl sich im rot-grünen Bern seit Jahren nicht mehr wirklich viele Verbrennungsmotoren durch diese Gasse zwängten.

Neugierig öffnete ich die schwere Holztür, die den Blick auf einen Innenhof im fahlen Mondlicht freigab. Ein Email-Schild klärte mich darüber auf, dass mein Ziel im dritten Stockwerk lag. «Agentur Anzen & Enzen», lautete die Adresse, zu der mich die Sekretärin von Jean-François Rime spätabends bestellt hatte. Das Büro des SVP-Bundesratskandidaten, der innerhalb weniger Tage vom belächelten Bauernopfer zur neuen  Identifikationsfigur der Partei avancierte, hatte selbst um dieses Interview ersucht. Auf den Treppenstufen rekapitulierte ich kurz die wichtigsten Fragen. «Herr Rime, sind Sie froh, nicht gewählt worden zu sein?» - «Herr Rime, macht die SVP eigentlich auch mal etwas nicht aus Wahlkampf-Kalkül?»

Doch dass «Anzen & Enzen» nicht wie bislang vermutet das mandatierte PR-Büro des Freiburger Unternehmers war, sollte mir nun bald klar werden. Im dritten Stock empfing mich eine freundliche Dame sichtlich höheren Alters, die ein jugendliches, wallendes Kleid trug, das mich an jene Epoche erinnerte, in der auch dieses Haus gebaut worden sein musste. Die Sekretärin führte mich in einen Raum, in dem zu meinem Erstaunen weder Jean-François Rime noch irgendwelche zu erwartende PR-Schnösel mit Designerbrillen sassen, sondern ein gutes Dutzend weiterer ergrauter Damen, die teils einen hochbetagten Eindruck vermittelten.

«Wie Sie unschwer erkennen können, Herr Ratschiller», begann nun die Frau, die mich ins Zimmer geleitet hatte, «erwartet Sie hier nicht Herr Rime zu einem Interview.» Ich bejahte, dies unschwer erkannt zu haben. «Mein Name ist Evidenz. Ich möchte Sie dafür um Entschuldigung bitten, Sie mit diesem kleinen Schwindel zu uns gelotst zu haben.» Von den restlichen Anwesenden vernahm ich ein zustimmendes Murmeln. «Wir haben Sie zu uns eingeladen», übernahm nun eine energische Dame, die sich als Vakanz vorstellte, «weil wir von der Schweizer Politik genug haben. Wir werden ständig missbraucht.» Ich schwieg im sicheren Wissen darum, dass die Frau nach einer Kunstpause selbst weiterfahren würde. Mit der Hand wies sie nun auf eine eingefallene Dame, die mir quer gegenüber im Rollstuhl sass. «Das ist Konkordanz. In ­ihrem Namen haben in den vergangenen Wochen Politiker und Experten den Bundesratswahlkampf kommentiert.» Die leblos wirkende Alte im Rollstuhl nickte fast unmerklich. «Doch das ist nicht wahr! Wir haben sämtliche Aussagen von Parteipräsidenten, Fraktionschefs und anderen Wichtigtuern analysiert.» Sie deutete auf rund 20 Bundesordner in der Mitte des Konferenztisches. «Mit Konkordanz hat das alles überhaupt nichts zu tun. Sondern damit:» Drei Frauen erhoben sich nun selbstbewusst und stellten sich mir reihum vor: Inkompetenz,  Inkonsequenz und Intransparenz. «Seit Jahren fabulieren eure Politiker von Zauberformel und Kollegialität, obwohl jede Partei die Frage nach dem idealen Bundesrat immer nur im Sinne des eigenen Vorteils auslegt. Von den einzigen ehrlichen Alternativen - einem echten Koalitions-Oppositionsmodell oder einem echten Parteienproporz im Bundesrat - spricht jedoch niemand, weil jeder dabei ja auch zu den Verlierern zählen könnte.»  

«Bitte bleiben Sie weiterhin kritisch mit allen Politikern, egal, ob rechts oder links», bat mich Stunden später die Frau, die mich zur Tür begleitete, und die sich Bilanz nannte. Ich versprachs im Namen des ‹Nebelspalter›, doch nach wenigen Schritten, kaum war ich in die Kreuzgasse eingebogen, war mir, als wäre das  Erlebte nur die Reminiszenz eines Tagtraums, nicht mehr als rätselhafte chimärenhafte Einflüsterungen. Weder das «Haus der Allegorien» noch die Agentur «Anzen & Enzen» habe ich danach je wieder gefunden.

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