Gölä

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 02.09.2010

Gölä
Hörmen (Hermann Schmutz) | (Nebelspalter)

Egal, für welche zwei Kandidaten sich das Parlament am 22. September entscheidet: Die Schweiz hat bereits verloren. Er, Pfeuti Marco, 42, Thun, will nicht. Während die Zahl der Bundesratsanwärter inzwischen höher ist als die Zahl aller verkauften «Burn»-Alben, endete im Berner Oberland ein hoffnungsvoller Aufbruch, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte.

Dabei sah anfangs noch alles so vielversprechend aus. Mit perfektem Timing, just als Wenger Kilian in Frauenfeld der Schweizer Volksseele ein Stück Heimat und Identität zurückgab, erschütterte Pfeuti Marco mit verblüffenden Analysen und mutiger Kritik die schläfrige Politschweiz. Erst seine Abrechnung mit der «ehrlosen Jugend» und dem «unfähigen Bundesrat» hat einer Mehr­heit der Schweizer klargemacht, wie nahe am Abgrund die Alte Eidgenossenschaft tatsächlich steht. Mehr noch: Schlagartig war Tausenden von rechtschaffenen Büezern von Meiringen bis Maienfeld klar geworden, dass nur ein grundehrlicher, echter Mann wie Pfeuti Marco den widerlichen Sumpf der Classe politique trockenlegen kann.

Doch Pfeuti Marco wies das Angebot eines Brunner Toni postwendend ab. Es wird keinen Messias mit Malerlehre, keinen Oberland-Obama geben. Pfeuti vertritt etwas Grösseres als die wählerstärkste Partei - er vertritt die Nichtwähler, die alles besser wissen, aber sich nicht dem Risiko aussetzen mögen, etwas besser zu machen. Die paradoxe Konsequenz der Demokratiemüden: Als wahrer Vertreter des Volkes kann man sich gar nicht wählen lassen - weil Politik ohnehin nur machthungrig und korrupt macht.

Eigentlich schade: Pfeuti wäre nicht nur der erste weitgehend zutätowierte Bundesrat gewesen (Joseph Deiss liess nur seine Frau bemalen), sondern endlich auch mal einer, der - wie sein kurzes MusicStar-Jury-Gastspiel zeigte - keine Mühe mit Rücktritten hat. Doch statt Pfeuti, der volksnah nur einen zweisilbigen Namen trägt («Gölä»), droht uns nun das achtsilbige Wortungetüm Johann Niklaus Schneider Ammann - brauchts einen weiteren Beweis für Classe politique? Zum Glück werden wir auf Gölä dank seinen exzellenten privaten Beziehungen zum Schweizer Fernsehen nicht verzichten müssen - als bodenständiger, ehrlicher Rocksänger, welcher der Musikgeschichte Refrains hinterlassen hat wie: «Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.»

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