Draussen vor der Anstaltsmauer

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 02.09.2010

Draussen vor der Anstaltsmauer
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Wahnsinn. Wir leben in einer Zeit, in der sich Satire ernsthaft bemühen muss, nicht dauernd von der Realität eingeholt zu werden. Das wichtigste Cartoonfestival der Schweiz, das alle drei Jahre in der Emmental-Metropole Langnau stattfindet, steht dieses Jahr (noch bis zum 12. September) ganz im Zeichen des Wahnsinns, von dem wir spätestens seit Dürrenmatts «Physikern» nicht mehr wissen, ob er nun innerhalb oder ausserhalb der Anstaltsmauern häufiger anzutreffen ist. Sicher ist: Der Wahnsinn ist auch in viele Seiten der aktuellen ‹Ne­bel­spalter›-Nummer eingesickert.

Bundesrätsel. In besonders hoher Konzentration findet sich Wahnsinn innerhalb der Bundeshaus-Mauern. Das direktdemokratische Volk der Welt, dem bei der Wahl seiner siebenköpfigen Landesregierung für einmal nur eine Zuschauerrolle zukommt, nimmt das Nominations-Spektakel derzeit gelassen bis ungläubig hin. Während selbst ein Primarschüler nachrechnen kann, dass Parteistärke und Sitzverteilung im Bundesrat bereits seit den Wahlen 2007 nichts mehr mit der leeren Worthülse von der «arithmetischen Konkordanz» zu tun haben, rekrutiert drinnen im Bundeshaus jede Parlamentariergruppe, die schon mal das Wort «Fraktionsstärke» gehört hat, munter eine ganze Heerschar von Papabili. Wobei die meisten eher Mamabilae sind, wenn wir der Geschlechtergerechtigkeit Genüge tun wollen. Und ja, genau hier haben wir einen Fall von Wahnsinn, bei dem die Realität jede Satire in den Schatten stellt: In einem Land, dessen Regierung seit Jahren im Nirgendwo zwischen Konkordanz-  und Koalitionsmodell werkelt, dessen Parteien im kleingeistigen Dauerwahlkampf nicht mehr zu echten gemeinsamen Reformen fähig sind, diskutiert man nicht über Regierungsprogramme und Legislaturziele, sondern darüber, wie viele Berner oder wie viele X-Chromosomen der Bundesrat verträgt.   

Unbefleckte Sprengung. Über viele Jahrzehnte war der Nebelspalter Verlag die erste Adresse für Satire- und Cartoonbücher, bis im Zuge eines Besitzerwechsels 1996 die Buchsparte aufgegeben wurde. Jetzt bringt unser Haus in Kooperation mit dem jungen Zürcher Salis Verlag erstmals wieder ein Buch auf den Markt. Andreas Thiel gehört zweifellos zu den profiliertesten Politsatirikern des Landes, seit 2005 stellt er dies in jeder ‹Nebelspalter›-Ausgabe unter Beweis. Seine in «Unbefleckte Sprengung» gesammelten Perlen können ‹Nebelspalter›-Leser ab sofort mit 10% Einführungsrabatt vorbestellen (siehe Umschlagkarte).

loader