Alles umsonst

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 03.06.2010

Übers vergangene Wochenende hatte ich das seltene Glück, als Beobachter am Weltkongress der führenden Ismen zugegen zu sein. Durch­schnittlich alle fünf Jahre treffen sich ihre einflussreichsten Vertreter, um die Probleme der Gegenwart und die Herausforder­ungen der Zukunft zu diskutieren.

Alles umsonst
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Das Erste, was mir an dieser eher öffentlichkeitsscheuen Veranstaltung ins Auge stach, war ihr bemerkenswertes Vorhersagemodell. «Ganz egal, was wir am Ende der Konferenz in der Schlusserklärung verabschieden werden, du kannst absolut sicher sein, dass ziemlich genau das Gegenteil davon eintreffen wird», raunte mir einer der Ismen zu, den ich zuerst für den blanken Zyn hielt, sich aber später als der pure Real herausstellen sollte.

Eine andere Merkwürdigkeit des Anlasses erschloss sich mir zwar nicht auf den ersten Blick, sie wurde mir von einem sehr altgedienten Kongressgänger erläutert: «Es gibt Teilnehmer, die siehst du hier einmal oder vielleicht zweimal, und dann nie wieder - oder zumindest lange nicht mehr. Und trotzdem bleibt die Zahl der Anwesenden immer gleich, ohne dass diese irgendwie festgelegt worden wäre.» Eine ganze Reihe von  regelmässigen Teilnehmern hätte sich dieses Jahr als krank abgemeldet oder säs­sen von Schwäche gezeichnet zusammengesunken in ihren Konferenzsitzen. Tatsächlich:  Kapital und Neoliberal präsentierten sich bestenfalls als Schatten ihrer selbst. Athe schlich ängstlich und rastlos durchs Kongresszentrum. Umso selbstsicherer und lauter gebärdeten sich andere: Fundamental und Islam hatten ein riesiges Gefolge bei sich, während Patriot und Konservat zusammen mit Rass und Antisemit laut polternd herumstanden und sich über Sozial und Altru lustig machten.

So versuchte der Kongress der Ismen zu erörtern, was die Zukunft wohl bringen könnte, und zu ergründen, weshalb die Menschheit derzeit leichtfertig so viele Errungenschaften und Werte aufs Spiel setzt - weil sie, so die Vermutung im Schlussprotokoll, wahrscheinlich vergessen hat, dass es keine dieser Errungenschaften umsonst gibt, sondern eine jede immer wieder neu erkämpft und verinnerlicht werden muss. Zum Zeitpunkt der Schluss­erklärung waren verschiedene Delegierte allerdings bereits abgereist. Dilettant beriet längst wieder den Schweizer Bundesrat, Euphem verfasste  israelische Armee-Communiqués, und Narz instruierte das UBS- und CS-Kader.

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