Warum mögen wir die Zürcher nicht?

Andreas Thiel | veröffentlicht am 02.04.2010

Warum mögen wir die Zürcher nicht? Und warum mögen die Deutschen die Zürcher?

Warum mögen wir die Zürcher nicht?
(Nebelspalter)
Warum mögen wir die Zürcher nicht? Und warum mögen die Deutschen die Zürcher?

Exklusiv-Preview aus der aktuellen Nebelspalter-Ausgabe

Zürich ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Zürich ist irgendwie wie getrunkener Wein in verkauften Schläuchen.

Die Weinkarte in der Hand zeige ich in einem renommierten Zürcher Restaurant auf den Merlot del Ticino AOC und frage die deutsche Serviertochter: «Ist dieser Wein aus dem Barrique?» Sie antwortet: «Nein, aus dem Tessin», worauf ich nachhake: «Ja, aber war der Wein im Fass?», und sie mir erklärt: «Nein, die sind bei uns alle in Flaschen abgefüllt.»

Warum mögen wir die Zürcher nicht? Liegt es an ihrer Sprache? Wer durch Zürichs Gassen zieht, muss mit Schrecken feststellen, dass in Zürich nur noch Hochdeutsch gesprochen wird. Dass wir die Deutschen nicht mögen, ist uns zwar nicht erklärlich, scheint uns aber vernünftig. Aber warum mögen wir die Zürcher nicht? Mögen wir die Zürcher nicht, weil die Deutschen die Zürcher mögen? Und warum mögen die Deutschen die Zürcher?

Zürich ist wie ein Himmel voller schwarzer Löcher.

Während der Hochkonjunktur eilen schwarz gekleidete Banker mit finsteren Blicken durch Zürichs Strassen und weichen finster dreinblickenden Alkoholabhängigen in grauen Mänteln aus, die ihnen im Wege stehen. Und in Zeiten der Rezession eilen schwarz gekleidete Banker mit finsteren Blicken durch Zürichs Strassen und weichen finster dreinblickenden Alkoholabhängigen in grauen Mänteln aus, die ihnen im Wege stehen, mit dem einzigen Unterschied, dass sich das Verhältnis von Bankern zu Alkoholabhängigen merklich zugunsten der Alkoholabhängigen verschoben hat.

Vor der Oper sammeln geliftete Sozialdemokratinnen in exklusiven Pelzmänteln Unterschriften für tiefere Champagnerpreise. Es ist eine soziale Ungerechtigkeit, dass ausgerechnet auf Zürichs Baustellen die Arbeiter wegen der tiefen Löhne immer noch Bier trinken müssen.

Bei der Kanzlei demonstrieren ein paar minderjährige Krawalltouristen vom Zürichberg, die nicht recht Deutsch sprechen, weil sie portugiesische Nannys haben, für die Abgabe von Alkohol an Minderjährige. Vor dem Grossmünster predigt ein trotzkistischer Verschwörungstheoretiker Mut zur Mutlosigkeit. Ein stockatheistischer Leninist geisselt hinter dem Grossmünster die Selbstbeweihreicherung. Und auf dem Lindenhof spielt das Kasperlitheater «Schnittwundchen – ein Märchen für Borderliner».

Kulturell gesehen ist Zürich gezuckerter Wein in Gartenschläuchen.

Im Stadthaus tischen gewählte Frauen Lügen auf. An der Langstrasse werden Frauen ausgewählt und aufgetischt. Wer nicht so viel Geld hat, wählt eine Tischtänzerin vom Wühltisch. Frauen sind an der Langstrasse auch nur tiefhängende Früchte. Kandidierende sind nicht darunter, aber ein paar kandierte schon. Diese versüssen für wenig Geld in der Paradise Bar den enttäuschten Arbeitern das Leben, welchen die noch grünen roten Früchtchen im Stadthaus das Blaue vom Himmel versprochen haben.

Wenn ich nach Zürich fahre, denke ich oft: Lieber einen Wein mit Zapfen als ein Bier ohne Schaum.

Auf dem Sozialamt rennt ein renitenter Rentner in eine Mauer des Schweigens und bricht sich dabei einen Zacken aus der Zahnkrone. Und beim Sprüngli am Paradeplatz fällt einer süssen, alten Sozialhilfeempfängerin ein Brilläntchen in die Zuckerdose.

Zürich ist ein sozialdemokratisches Nest, das denkt, es sei ein geopolitischer Horst.

Was hat Zürich so verbittert? Wer hat dieser Stadt die Zitrone ausgedrückt? Ein Basler? Dass mit Marcel Ospel im Sattel ausgerechnet ein Basler die Zürcher Bankenkarawane in den Kamelmisthaufen geritten hat, sprengt natürlich an der Limmat den Löwen aus dem Wappen. Wer ist nun dümmer? Die Basler oder die Zürcher? Die Zürcher konnten nur noch zitatenlos zuschauen, wie ihnen da ein Basler Wienerschnitzelbanker die Pommes frittierte, indem er ihnen einen Morgenstreich spielte und den Böögg vom Scheiterhaufen sprengte und dann auch noch beim Baden in das Seebecken pinkelte, bevor er den Rhein bachab ging.

Lieber reich und verantwortungslos als arm und frei.

Dass Zürich eine deutsche oder sonst irgendeine Exklave ist, erkennt man aber nicht nur an der desillusionierten Unfreundlichkeit der Zürcher. Zürich ist nicht nur eine unfreundliche Stadt. Zürich ist auch eine internationale Stadt. In Zürich trifft man unfreundliche Menschen aus der ganzen Welt. Und wer weiss, vielleicht findet auch Zürich, gerade dank seiner Weltoffenheit, wieder einen Platz in der Gesellschaft. Die Palästinenser suchen noch eine Hauptstadt.

Andreas Thiel

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