Micheline Calmy-Rey

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 31.03.2010

Micheline Calmy-Rey
Hörmen (Hermann Schmutz) | (Nebelspalter)

Calmy: Bonjour Monsieur, ich glaube, wir kennen uns bereits?
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Sie haben mich bereits vor zwei Jahren einmal porträtiert, nachdem ich im Iran einen Schleier getragen hatte.
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Und dieses Mal geht es – lassen Sie mich raten – um die Libyen-Affäre?
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Wobei Sie nicht sicher sein können, ob zwischen dem Interview-Termin heute und der Auslieferung Ihrer Zeitschrift aus meinem mutmasslichen Debakel doch noch ein politischer Erfolg geworden ist.
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Sie werden also folglisch sischer'eits'alber versüschen, misch auch anderweitisch su machen läscherlisch.  
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Sie werden dabei aber certainement pas so ploumpé Mittel brauschen, wie sum Beispiel meinen fronsösischen Accent su äffen nasch?
Nebelspalter: Natürlich nicht.
Calmy: Dann tendieren Sie eher dazu, meine Mutlosigkeit und China-Kuscherei im Hinblick auf den Besuch des Dalai Lama anzusprechen, welchen ich offiziell aus «terminlichen Gründen» nicht treffen kann?
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Danach werden Sie vermutlich elegant zur Mutlosigkeit des Bundesrats überleiten, was dessen Vorschläge zu einer Regierungsreform betrifft?
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Weil ein paar zusätzliche zahnlose Staatssekretäre und ein zweijähriges Präsidium am tiefgreifenden Reformbedarf des Systems nichts ändern?
Nebelspalter: Genau.
Calmy: Es frustriert Sie ganz generell, dass nicht mal ansatzweise  darüber diskutiert wird, ob man die Schweiz im 21. Jahrhundert noch lange mit einem «Betriebssystem» aus dem 19. Jahrhundert laufen lassen kann …
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Sie wundern sich entsprechend auch, warum wir unsere Demokratie nicht den radikal veränderten Wirklichkeiten und Möglichkeiten anpassen?
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Warum man Bundesräte zum Beispiel während der Legislatur nicht abwählen kann?
Nebelspalter: Genau.
Calmy: Warum der Nationalrat ein Geschäft beschliessen und zugleich dessen Finanzierung verweigern kann?
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Sie wundern sich, warum man noch immer machtgeile Parteien mit ihre Gummi-Parolen wählen soll, obwohl man in der Internet-Ära einfach nach realpolitischen Fragenkatalogen seinen passenden Volksvertreter auswählen und auch laufend überprüfen könnte?
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Und warum Hunderttausende Pendler in den Städten, in denen sie arbeiten und in der Freizeit ihr Geld ausgeben, also das halbe Leben verbringen, auf kommunaler Ebene keine Rechte und Pflichten haben?
Nebelspalter: Ja.
Calmy: Und all diese Fragen können Sie in Ihrem Magazin nicht aufgreifen, denn was politisch kein Thema ist, ist auch satirisch nicht verwertbar.
Nebelspalter: Natürlich nicht.
Calmy: Lieber Herr Redaktor, ich danke Ihnen für dieses ausführliche Gespräch.

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