Willkommen in der 2. Klasse

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 04.03.2010

Willkommen in der 2. Klasse
Swen (Silvan Wegmann) | (Nebelspalter)

Liebe Leserinnen und Leser

Die Wirtschaftskrise vernichtet weiterhin Arbeitsplätze, Prämien und Gebühren steigen, bezahlbare Wohnungen sind sogar für den Mittelstand selten geworden. Gleichzeitig steigen die Löhne der oberen und obersten Kader stärker als alle anderen, mit den ersten Anzeichen der Erholung im Finanzsektor sind auch die inkommensurablen Lohnzusatzleistungen der Banker zurück.

Die Reichen werden reicher, dem Rest bleibt bis in die Mittelschicht hinein unter dem Strich immer weniger. Die Zweiklassengesellschaft ist längst Realität. Die Durchlässigkeit zwischen den beiden Schichten sinkt, der einzige wirklich aussichtsreiche Weg führt über die Finanzbranche: Hier arbeitet man nicht härter als ein Bauarbeiter, hier trägt man nicht mehr Verantwortung als ein Linienpilot oder ein Chirurg, hier wird nicht die höhere Bildung vorausgesetzt als bei einer brotlosen Germanistin. Hier wird einfach eines - hier wird viel mehr verdient als in allen anderen Branchen.

Wenn man liest, dass im Jahr eins nach Beginn der grössten Wirtschaftskrise seit drei Generationen jeder Credit-Suisse-Mitarbeiter wieder einen durchschnittlichen Bonus von 140 000 Franken erhalten hat - hadert da nicht der überzeugteste KMU-Patron mit seinem Glauben an den Wettbewerb und die selbstregulierende Kraft des Markts und fragt sich, wie jemals mit realen Gütern dauerhaft eine solche Rendite zu erzielen ist?

Die Antwort bleibt uns auch die Finanzbranche schuldig. Wer unlängst CS-Präsident Hans-Ulrich Doerig in der DRS-Sams­tagsrundschau mitverfolgt hat, kann auf Satirebeiträge zum Thema getrost verzichten. Oder auf Fuss­ballspiele. Wie Doerig die mehr­mals gestellte Frage nach der Rechtfertigung der Sonderstellung der Banken-Gehälter und -Boni im Vergleich zur Realwirtschaft meisterlich umdribbelt hat, war einfach nur virtuos.

Vielleicht war die schuldig gebliebene Antwort auch bereits die Antwort: Es ist einfach so. Zu jeder Zeit der Menschheitsgeschichte hat es Schichten, Kasten und Gruppen gegeben, die «einfach so» mehr waren als alle andern. Zeit für uns, die wir unsere Wirtschafts­ethik gerne an einem von der Natur erfolgreich erprobten Darwinismus festmachen, darüber nachzudenken, ob die Zweiklassengesellschaft am Ende nicht leider doch eine anthropologische Grundkonstante ist?  Das wäre nicht lustig, genau. Aber für Realsatire ist bereits Doerig zuständig.

Artikel erschienen in der Ausgabe

loader