Unser Tor des Monats: Michel Kunz

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 29.04.2009

In seiner wöchentlichen Klausursitzung vom Mittwoch hat der Bundesrat PTT-Chef Michel Kunz mit sofortiger Wirkung freigestellt.

Unser Tor des Monats: Michel Kunz
(Nebelspalter)
Bern. (sda) «Angesichts der jüngsten Entwicklungen im Fuhr- und Fernmeldebereich der Post sei der Schritt unumgänglich gewesen», erklärte am Nachmittag Bundesratssprecherin Susanne Wille gegenüber den Medien.

Nicht kommentieren wollte Wille Gerüchte, wonach die Betriebsleitung interimistisch von Franz Steinegger und Nicolas Hayek übernommen werden soll. Hayek bestätigte im Seniorenheim «Chasseral» auf Anfrage, dass er mit Bern im Gespräch sei. Aus Kreisen der SVP sickerte durch, dass auch alt Bundesrat Blocher entgegen den immer wieder kolportierten Demenzgerüchten jederzeit für das Amt zur Verfügung stehe. Die Absetzung von Kunz wird in ersten Stellungnahmen von den Parteien und Verbänden durchwegs begrüsst. Für SP-Parteipräsidentin Evi Allemann ist «nun endlich der Weg frei für eine nachhaltige Weiterentwicklung des ‹Service public›, des wichtigsten Gemeingutes der Schweiz.»

Im Amt seit dem 1. April 2009
Michel Kunz verlässt die PTT ziemlich genau fünf Jahre nach seinem Stellenantritt als Direktor des damaligen Post-Konzerns. Der 55-Jährige stand bereits bei seiner Berufung am 1. April 2009 unter massiver öffentlicher Kritik. Die sinkende Pünktlichkeit der Briefpost, die Konzentration auf einige wenige Briefpostzentren, vor allem aber die Ankündigung weiterer Poststellen-Schliessungen trotz satten Millionengewinnen brachten nicht nur die Bevölkerung gegen ihn auf, sondern waren der eigentliche Auslöser der sogenannten «Rundumservice public»-Initiative.

Die Rundumservice-Initiative prägte denn auch das weitere Schicksal von Postchef Kunz. Gewerkschaften und Randkantone sammelten im Herbst 2009 in der Rekordzeit von drei Monaten 180000 Unterschriften, bereits im März 2011 wurde das Volksbegehren dem Souverän vorgelegt. Nach einem beispiellos harten Abstimmungskampf entschied sich eine überraschend klare Mehrheit von 78,4 Prozent für einen Verfassungszusatz, der die Verstaatlichung aller liberalisierten Service public-Zweige verlangte und eine Rückkehr zum Leistungsangebot von 1948 festschrieb.

Politologen und ausländische Kommentatoren werteten den Volksentscheid als Ausdruck einer tiefen Verunsicherung und einer wiedererstarkten, rückwärtsgewandten Reduit-­Mentalität als Folge der Zweiten Weltwirtschaftskrise (2008–2012). Bundesrat Moritz Leuenberger, der kommendes Jahr zum fünften Mal Bundespräsident wird, äusserte kürzlich im Interview mit der Gratiszeitung ‹NZZ› vom 29. April 2014 die Vermutung, Kunz sei wahrscheinlich noch an jenem historischen Abstimmungssonntag anno 2011 einem fanatischen Zynismus anheimgefallen. Dies, obwohl Kunz die Restaurationsprozesse zusammen mit Karsten Schloter und Andreas Meyer anfangs nach aussen hin tadellos begleitete.

Vordergründig tadellos
Bereits 18 Monate nach der Abstimmung konnte Kunz über den wiederbelebten Mittelwellensender Beromünster verkünden: «Le service est rétabli.» Gleichentags nahmen 397 stillgelegte Bahnhöfe, 1402 neue Poststellen, 8200 Telefonzellen und 3074 Kilometer neue Postauto-Strecken den Betrieb auf. 20000 neu ausgebildete, motivierte Pöstler drehten in historischen Uniformen ihre Runden, auch wenn als Folge von E-Mail und E-Banking keine Post zu verteilen war. Mit 15,3 Mia. Franken blieb die jährliche Neuverschuldung sogar unter den Vorgaben des Bundesrates.

Erst die Exilzeitschrift ‹Weltwoche› brachte vor zwei Wochen ans Licht, dass Michel Kunz in Wirklichkeit dem absurden Glauben an Wettbewerb und Strukturwandel gar nie abgeschworen hatte. Mit Gleichgesinnten und abgezweigten Millionengeldern hatte er im unstillbaren Hass auf die Traditionalisten seit 2013 ein Geheimprojekt mit dem Decknamen «Adabsurdum» vorangetrieben, das nur noch Wochen von der Umsetzung entfernt gewesen sein soll. Im stillgelegten Briefpostzentrum Härkingen wurden Hunderte von neuen Postkutschen, mobilen Signalfeuer-Türmen, durchtrainierten Meldeläufern und Tonnen von Pergament und Wachstafeln entdeckt, die offensichtlich nur noch auf ihren baldigen Einsatz gewartet hatten.

Exklusive Vorab-Veröffentlichung aus der Mai-Ausgabe des ‹Nebelspalter›.

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