Baldinger plant die Rezession

Giorgio Girardet | veröffentlicht am 29.11.2008

«Frau Bieri, gut dass Sie da sind, wir müssen ja noch die Glückwunschkärtchen für dieses Jahr auswählen …»

Baldinger plant die Rezession
(Nebelspalter)
«… es darf ja durchaus wieder etwas Christlicheres sein das Jahr, nicht wahr, finden Sie? Die gefällt Ihnen: Obama in der Krippe? Ich weiss nicht so recht, andererseits müssen wir uns ja bemühen auch unsere jüdischen und muslimischen Geschäftspartner nicht zu … Nein, geschmacklos, dieser Engel aus Dollarnoten, gerade jetzt, wo wir doch vor der Rezession stehen.»

(Telefon läutet.) «Legen Sie die Liste mit den Adressen da hin …» (2. Läuten.) «… ich schau sie noch durch» (Nimmt ab.) «Baldinger?»

«Filippo!! Wieder total im Stress die Budgetplanung für das nächste Jahr … Du hast also wieder einen Plan? Wegen dem 10. Dezember, also ehrlich du weisst ja schon vor einem Jahr … nein, nicht wirklich … und ausserdem wer will denn heute noch Verwaltungsratsmandate? Bei dieser Verantwortung? Also, von Bergbahnen verstehe ich nun schlicht zu wenig … Du siehst ein Umdenken in der Blocherfrage? Nur er könne uns wirtschaftlich retten? Ein bürgerlicher Lackmus-Test … Du, Filippo, also, ich weiss nicht, ich glaube wirklich, das ist nun passé der Blocher. … du bist ja schon an die Deutschen verkauft … und diese Online-Plattformen: Sammelstellen von halbgaren Gedanken, Schleichwerbung und krasser Sprachuntüchtigkeit … widerlich … auch sparen… ja aber das darf nicht auf die Kosten der Qualität …. und des Geistes … sehr wichtig im Verlagsgeschäft … wir sind ja die publizistischen Leuchttürme, ja also bei der Rettung des Vaterlandes durch Blocher … wenn du noch bis zum 8. eine kritische Masse zusammenbringst? Wir sehen uns in der Session – Ciao, Filippo (hängt ab, nimmt die Liste) Christoph und Silvia Blocher hmmm …» (Telefon läutet.) «… streichen oder nicht streichen?» (2. Läuten, nimmt ab.)

«Baldinger? Ja Frau Görlitz, ja verstehe Sie gut, nicht so schnell bitte, bin Schweizer, ja Ihre Unterlagen habe ich vor mir, Humboldt Uni Berlin, Dr. phil., Nachdiplomstudiengang moderne Medien, Vertiefung in Genderkommunikation, Sie sind überqualifiziert … haben während des Studiums immer Sekretariate geführt … verstehe würde Sie reizen, … Sie waren mal auf der Rigi und haben einen Schweizer Freund … für die Niederlassunsgsbewilligung, verstehe. Könnten Sie bei ihm wohnen? … in der Anfangszeit, es ist ja in Zürich ohnehin fast unmöglich bezahlbaren Wohnraum zu finden … nun in der Anfangszeit würde ich Ihnen einen Lohn von 2000 Franken anbieten, so als Start in der Schweiz … das ist die wirtschaftlich angespannte Lage im Verlagsgeschäft … ist ja deutlich über den Hartz-IV-Sätzen … kleiner Scherz … nein, im Ernst es ist natürlich ein gewaltiger Kulturschock … bis Sie hier in der Schweiz produktiv sind … würde mich freuen, ja, verbleiben wir so, auf Wiederhören, Frau Görlitz.» (Hängt auf.)

«Streichen oder nicht streichen? Ah der Wein! Frau Bieri? Haben Sie schon die Weinbestellung für die A-Kunden bei Spuhler schon gemacht? Nein dieses Jahr etwas bescheidener, man soll nach dem Crash nicht so protzen … schauen Sie mal im Denner-Online-Shop ob es ein Sonderangebot gibt, das etwas hermacht.» (nimmt wieder die Liste) «Prof. Dr. Mörgeli den streichen wir nun bestimmt! Frau Bieri, funktioniert nun das Digitalfernsehen im Mitarbeiterraum? Ich meine nur wegen dem 10. Dezember ich möchte, dass alle Verlagsmitarbeiter die Bundesratswahl verfolgen können: Besonders die neuen Mitarbeiterinnen aus dem Grossen Kanton sollen einen deutlichen Einblick in die grosse Aufgabe erhalten, der wir hier im Verlagsgeschäfte dienen.» (Telefon läutet) «Baldinger? Ja Schatz … Moment … Frau Bieri? Könnten Sie mich bitte einen Moment allein lassen? … Danke. Nun Schatzi, ich weiss noch nicht ob es diesmal klappt mit St.Moritz, muss noch die Budgetplanung abschliessen. Ja, werde zurückrufen.» (Hängt auf.)

«Ha! … genau, die nehme ich … eine gelungene Jeff-Koons-Parodie mit einem Schuss Swissness… sehr schön … wie heisst der Mann … hier Gubelvic … Also …» (wählt die Nummer, trommelt mit den Fingern auf den Tisch) «Hmm, ja Hallo Herr Gubelvic? … hier spricht Baldinger, vom Baldinger Verlag … ja, gratuliere zu ihrem Sujet, … ja will es gern nehmen … für 1000 dachten Sie? … Hehe, Sie wissen was Sie wert sind … Sie würden es mir exklusiv, aha … nun Herr Gubelvic, Sie sind ein gefitzter Kerli, aber leider greifen hier schon die Sparmassnahmen … auch 500 sind zuviel, aber ich könnte Ihnen entgegenkommen … wir drucken ihre Domain als Werbung auf die Weihnachtskarte … das ist für Sie eine unbezahlbare Chance … geht an 2000 der wichtigsten Promis der Schweiz und auch nach Deutschland und Oesterreich …

‹Alles Gute zum Neuen Jahr wünscht der Baldinger-Verlag› und darunter www.gubelvic-arts.com … ja, für diese tolle Werbemassnahme überlassen Sie mir ihr Sujet gratis … einverstanden? … Sie sind ein kluger Mann … Ja, hat mich gefreut, auf Wiederhören Herr äh … Gubel … hat schon augfgehängt.» (Legt auf, reibt sich die Hände.)

«Nun! Frau Bieri? … ausgezeichnet, sehr gut, ein Spanier … genau … in der Krise rücken wir Europäer zusammen, keinen Australier, Kalifornier oder Mauretanischen Wein … Good Old Spain …. Sehr gut Frau Bieri … wobei Frau Bieri … nun da wir ungestört sind … Sie wissen wie sehr ich ihre treuen Dienste über all die Jahre … nun schauen Sie mich nicht so an … aber Sie wissen … die Krise … natürlich ist nicht sicher ob sie wirklich kommt, aber wir - ich, ich muss hier vorausschauend … nun … ums kurz zu machen … ihr Salär musste aus dem Budget 2009 gestrichen werden … Nein Kurzarbeit kennt der Baldinger nicht … nun weinen sie nicht, Frau Bieri … wollte es Ihnen rechtzeitig sagen, damit Sie vielleicht schon vor Weihnachten eine neue Stelle finden können … mit Ihrer 30jährigen Erfahrung wird das kein Problem sein … ja, besprechen sie das mit dem ‹Beobachter› … es tut mir ja leid …» (Kaum ist er allein, greift er zum Hörer, wählt, trommelt auf den Tisch.) «Die geht wieder nicht ran … endlich Schaatzi, kannst die Suite buchen, wie letztes Jahr genau.»

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