Rede an die verluderte Schweiz

Giorgio Girardet | veröffentlicht am 16.05.2008

Augerechnet ein Schweizer Satiremagazin begeht den 250. Geburtstag eines der ersten grossen Schlächter des aufgeklärten Menschengeschlechts - indem es ihn gleich selbst Bilanz ziehen lässt:

Rede an die verluderte Schweiz
(Nebelspalter)
Ha, ausgerechnet! Die Schweizer! Und dann noch dieses schändliche Käsblatt ‹Nebelspalter›! (Ja aber keines der Weltblätter erinnert sich meiner)! Mit euch gedungenen Söldnern, Königslakaien, ungehobelten Hinterwäldlern wurden die revolutionären Massen am 10. August 1792 schnell fertig. Kräftig dezimiert zog die zusammenkartätschte Schweizergarde aus dem Tuilerienpalast.

Immerhin: Respekt! Euren Fahneneid habt ihr nicht schlecht gehalten, aber ihr wart der Geschichte im Wege, der «Volonté générale» Rousseaus, und wie ich nun in der Hölle erfahren habe, auch dem Weltgeist von Monsieur Hegel, selbst der bärtige Monsieur Marx teilte euch auf die Verliererseite ein: Die Intellektuellen sind immer auf der Seite der Schlächter.

Der Siegeszug der Republik, der Siegeszug der französischen Nation, die 2000 Jahre Vorsprung auf das übrige Europa hat, durch den Mut seiner Bürger, die mit bewaffneter Hand der republikanischen Tugend den Weg bahnten, dieser unabänderliche welthistorische Prozess: Ich habe ihn vorangetrieben, ich Maximilien Marie Isidore de Robespierre, der Vollwaise, der ärmste, aber brillianteste Schüler am Collège Louis le Grand in Paris, der verlachte Anwalt von Arras, der belächelte Abgeordnete der Generalstände 1789, der Unbestechliche.

Ich habe mitleidlos in die Räder der Geschichte gegriffen und mir die Hände blutig gemacht. Damit ihr nun im satten Westen von «Demokratie», «Freiheit» und «Europäischen Menschenrechten» schwatzen könnt. Aber wenn ich euch so ins Auge fasse aus dem Durchschuss dieser Zeilen: Puh! Was seid ihr für ein verludertes Geschlecht geworden.

Die einst sittenstrenge Stadt Zürich platzt vor Nutten aus allen Nähten, mit öffentlichen Geldern werden auf den Theaterbühnen der Zwinglistadt die Gemächter von Hurenböcken durch Mätressen geprüft und angeheuert und dies im Namen der Freiheit der Kunst. Ihr habt das Menschenrecht auf den Kindsmord eingeführt und eure Weiber gebären nicht einmal mehr zwei Kinder. Wahrlich, da war jene wackere Schweizerin aus anderem Holz geschnitzt, die Frau des Offiziers Engel, die, als ihr Mann zur Zeit meines Dienstes an der Republik im Kerker lag, sich zu mir vorkämpfte – an jeder Hand ein flen­end Kind – und überreichte mir eine Bittschrift mit den Worten «citoyen misericorde». Ich liess den Engel springen. 21 Kinder gebar die Engelin ihrem Mann, der 1815 bei Waterloo fiel, bis sie 1853 verarmt in Zürich starb: Ein beeindruckendes Frauenzimmer.

Was muss ich hören aus der helvetischen Republik? Ihr wollt die Gewehre wieder in die Zeughäuser geben? Memmen! Wahrlich, ihr habt die bürgerliche Revolution nicht begriffen! Ihr wollt die allgemeine Wehrpflicht abschaffen? Ich habe sie eingeführt: Ohne sie wäre der Feudalismus in Europa nie bezwungen worden! Ja wollt ihr das Rad der Geschichte, das ich machtvoll vorangetrieben, zurückdrehen? Aber tief in euch drinnen, ihr Eidgenossen, wisst ihr, dass ihr umkehren müsst zur Tugend. Darum hat ja auch keiner von euch damit gerechnet, dass der Citoyen Christophe Blocher aus seinem Amt entfernt würde, denn ihr hättet noch des Schreckens seiner Herrschaft bedurft: Das Laster muss bestraft werden, die Tugend muss durch den Schrecken herrschen. Und seht, es ging ihm wie mir: Durch seine Tüchtigkeit machte er sich Feinde bei den Mittelmässigen und Lauen. Blocher konnte nur sein Departement reorganisieren und 20 Prozent einsparen, ich konnte nur die wenigsten Feinde der Tugend, nur an die 3000 in 14 Monaten, aufs Schafott bringen.

Wie Blocher am 12. Dezember 2007 die Vereinigte Bundesversammlung der Eidgenossenschaft betrat, so trat ich am 26. Juli anno 1794 als Leiter des Wohlfahrtsausschusses vor das Parlament und hielt meine übliche Rede. Allein die Miesen verschworen sich wider mich, wie sie sich gegen Blocher verschworen haben. Und so wandte sich denn das ganze Parlament von mir ab. Citoyen Blocher ist nun nur «abgewählter Bundesrat». Ich, Maximilien de Robespierre, bin seit dem 28. Juli 1794 guillotinierter Revolutionär: Nicht einmal einen Prozess bekam ich. Ich kam neben Savonarola und Cromwell in die Hölle. Stalin, Hitler, Mao folgten.

Aber dass ausgerechnet ein Schweizer Satireblatt mein Jubiläum begeht, wo doch eigentlich mit mir nicht zu spassen ist?

Maximilien de Robespierre wurde vor 250 Jahren im Mai 1758 geboren.

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