Unser Tor des Monats: Bruder Klaus

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 06.07.2007

Für einen normalen Menschen hat ihn eigentlich ohnehin niemand mehr gehalten. Im vergangenen Jahr erhielt er im Rahmen der «SwissAward»-Verleihung als Erster überhaupt den «Life Time Award». Wobei «Lebenszeit» für einen Unsterblichen eher noch eine Kränkung darstellen muss.

Unser Tor des Monats: Bruder Klaus
(Nebelspalter)
Gleich mehrere Wunder belegen die Übermenschlichkeit und Unsterblichkeit des Nicolas G. Hayek. In den achtziger Jahren holte er mit der Swatch die Schweizer Uhrenindustrie aus dem Totenreich zurück. In den Neunzigern entwickelte er mit dem Smart ein Auto, das keine Strassenressourcen mehr beanspruchte, sondern sich bequem in Glastürmen mit Paternoster-Liften stapeln liess und bis heute auch mehrheitlich dort gestapelt wird.

Zum Wesen des Wunderwirkens gehört gemeinhin der Umstand, dass die Heilsbringer ihren Auserwählten gewissermassen aus dem Nichts erscheinen. Auch Nicolas Hayek war weder in der Uhren- noch in der Paternoster-Branche ein besonderer Begriff, ehe er dort Segen und Erleuchtung brachte.

In der Theaterwelt heisst dieser seit der griechischen Antike beliebte Vorgang «Deus ex machina» (Der aus der Bühnenmaschine auftauchende Gott). Helenas Dichter und Dramaturgen, für ihren Hang zu besonders schwerwiegenden Schicksals-verstrickungen bekannt, griffen nicht selten auf diesen Kunstkniff zurück, wenn sich die Bühnenprotagonisten so sehr im Netz von Liebe und Leid, Schuld und Schicksal verheddert hatten, dass nur noch das Eingreifen göttlicher Macht die Beendigung der Tragödie vor dem Beginn der nächsten Aufführung garantieren konnte.

Mit dem Zeitalter der Aufklärung kam der «Deus ex machina» etwas ausser Mode, zumal Theaterstücke, deren Handlung sich nicht aus sich selbst entwickeln und nur durch willkürlich äusseres Einwirken entscheidend weitergebracht werden konnten, als realitätsfremd und vernunftstheoretisch bedenklich galten. Zur Rechtfertigung der alten Griechen muss allerdings gesagt werden, dass damals der freie Personenverkehr zwischen gewöhnlichen Menschen und wundertätigen Göttern ähnlich wie heute wieder als unspektakuläre, logische Tatsache begriffen wurde, so dass auch in Athens Amphitheatern das Ein­schweben eines Nicolas Hayek als sicher überraschende, aber nicht die Regeln der Vernunft verletzende Handlung zur Kenntnis genommen worden wäre.

Die erfolgreiche Integration der Götterwelt ins an sich säkulare Weltbild ist also kein Rückschritt in voraufgeklärte Zustände, sondern vielmehr eine der bedeudend­sten Kulturleistungen der vergangenen Jahrzehnte. Ihren spielerischen Ausdruck findet diese Leistung zum Beispiel im Fussball, der in der Funktion des Schiedsrichtes eine mit besonderen Befugnissen ausgestattete Figur kennt, ohne die sich das menschliche Handeln auf dem Rasen zwangsläufig unentwirrbar verstricken würde.

Wie existenziell das Miteinander von Spielern und Schiedsrichtern letztlich ist, wird meist erst sichtbar, wenn der Schiedsrichter fehlt, wie derzeit im kaum mehrere Fussballfelder grossen Gazastreifen, oder wenn im Gegenteil alle nur noch die Rolle des – jedes Handeln auspfeifenden – Schiedsrichters beanspruchen, wie dies etwa die Europäer auf der internationalen Bühne zu tun pflegen.

Das eigentlich Wundersame ist also nicht die höhere Wirkungsmacht von Wesen wie Nicolas Hayek, sondern vielmehr die Fügung, dass sich ihr helfendes Eingreifen immer genau dann zeitigt, wenn sich das profane menschliche Handeln wieder einmal in eine Sackgasse manövriert hat, worauf die schweizerische Politik bekanntlich besonders anfällig ist.

So betrachtet war das Eingreifen von Bruder Nicolas in das Sommertheater um die fussballfeldgrosse Wiese am Vierwaldstättersee sogar ein überfälliger Schritt in der Tradition der klassischen Tragödie: Mit einem effektvollen, plötzlichen Auftritt aus dem bühnentechnischen Paternoster sorgt er dafür, dass die Tragödie ihren weiteren Lauf nehmen kann.

So geht nun also das Spiel in die Verlängerung. Linke Stürmerinnen kämpfen gegen rechte Verteidiger um ein Stück Wiese, das mit jedem medial begleiteten Spielzug ein bisschen mehr zu einem beiderseits falsch aufgeladenen Mythos wird, den die Schweiz im Jahr 2007 ohne künstlich geweckte Nachfrage gar nicht vermissen würde. Es entsteht ein helvetisches Amselfeld, von dessen richtiger Auslegung zwischen mystischem Kraftort, historischer Gründungswiese und symbolischem Platz der Redefreiheit Identität und Zusammenhalt der Schweiz auf Gedeih und Verderb abhängig sein soll.

Dass Götter, die vom «Deus ex machina» schon mehrmals Gebrauch gemacht haben, allmählich den eigenen Auftritt mehr suchen und bezwecken als das sinnvolle Eingreifen in die Handlung, ist doch am Ende auch wieder nur allzu menschlich.

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