Chiracs letzte Geheimnisse

Wolf Buchinger | veröffentlicht am 19.06.2007

Während die blaue Welle Frankreich beinahe in Sarkozystan verwandelt hat, ist der neue Chef im Elysée daran, die Spuren seines Vorgängers zu beseitigen.

Chiracs letzte Geheimnisse
(Nebelspalter)
In den ersten Wochen nach der Präsidentenwahl hat sich la Grande Nation traditionell um die grossen Dinge der Welt gekümmert und endlos palavert über die Rolle ihrer Atommacht, die Abschaffung der EU und die Eroberung des Weltraums. Dabei vergessen sind die kleinen menschlichen Zwischenräume, unbedeutend für eine Weltmacht, bezeichnend aber für ihren inneren Zustand. Nur eine Pariser Gratiszeitung hat den ersten Brief von Präsident Sarkozy veröffentlicht, er ging bezeichnenderweise an Monsieur Chirac:

Mein Vorgänger!

Es war wirklich an der Zeit, dass Sie gehen, denn Ihr Alter und eine beginnende Demenz zeigen, dass eine Ablösung überfällig war. Sie haben in Ihrer obersten Schreib­tischschublade die Dinge liegen lassen, mit der Sie Ihre 12 langen Jahre regiert haben. Ich sende sie Ihnen hiermit retour: Die Broschüre «der perfekte Handkuss». Ich erlaube mir die Bemerkung, dass Sie ihn perfekt beherrschten, aber damit keine Probleme lösen konnten. Ich werde den Menschen in die Augen schauen und sie mit Realität anstatt Schmalz gewinnen.

Die leere Flasche Ginseng-Sirup, mit dem Sie gegen Ihre Kraftlosigkeit gekämpft haben. Sich zurücklehnen und erst dann reagieren, wenn es zu spät ist, war einmal, ich werde aktiv und präventiv agieren.

Ihre weisse Weste mit den vielen schwarzen Flecken. Als einer meiner ersten Amtshandlungen werde ich anordnen, dass keine juristischen Folgen entstehen, damit Sie aus den Medien und somit aus dem Gedächtnis des Volkes verschwinden.

Ihre Sauerstoffflasche für Ihren lang anhaltenden Atem in Projekten. Sie haben immer ge- und verzögert, ich werde amerikanischen Pragmatismus leisten und die Dinge zeitgemäss angehen.

Ein «Playboy» von 1952, genauso war Ihr Frauenbild: sich einschmeicheln und zuschauen, mehr nicht. Ich werde die Frauen fordern und fördern und sie aktiv an der Macht beteiligen, darauf bin ich jetzt schon stolz.

Der Bauplan Ihres persönlichen Souvenirs an die Ewigkeit, das winzige, unbedeutende Musée du Quai Branly, bezeichnend für Sie, dass Sie nicht mehr geschafft haben als ein paar Holzstücke von fernen Eingeborenen in Vitrinen zu stellen. Ich werde wieder ganz Franzose sein und grosse gewaltige, epochale Werke tun, schliesslich bin ich Bonaparte verpflichtet.

(keine Unterschrift, da nach Diktat sofort nach Berlin verreist.)

Aus dem Französischen untersetzt von Wolf Buchinger.

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