Arschbombe und Hochzeit: Um Gesundheit gehts bei der Impfung offenbar nicht

Arschbombe und Hochzeit: Um Gesundheit gehts bei der Impfung offenbar nicht

Wie bewirbt man einen Impfstoff? Am besten wohl mit seinen positiven Auswirkungen auf die Gesundheit. Der Kanton Zürich verlässt sich aber nicht auf diese Botschaft. Die Covid-Impfung preist er lieber mit den Privilegien an, die diese mit sich bringt. Und auch der Bund macht Umwege.

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von Stefan Millius am 25.5.2021, 09:00 Uhr
Bild: Pixabay
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Der Binnentourismus in der Schweiz fürchtet sich vor dem Sommer. Es ist davon auszugehen, dass alles Richtung Ausland strömt, sobald das wieder möglich ist. Eine Voraussetzung für den Flug an den griechischen Strand oder ins türkische All-inclusive-Resort dürfte das Covid-Zertifikat sein, das für Juni in Aussicht gestellt wurde. Sprich: Wer geimpft ist, kann fliegen, wer nicht, muss eben im Alpstein wandern. Soll ja auch schön sein dort.
Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich will aber die grenzenlose Reisefreiheit für die Bevölkerung. Wer noch nicht gemerkt hat, dass es dafür eine Spritze braucht, wird nun mit diversen Werbesujets darauf aufmerksam gemacht. Das sieht beispielsweise so aus:
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Schweiz Tourismus ist sicher hell begeistert, dass der Kanton Zürich seine Bevölkerung ans Meer schicken will. Immerhin wird als Alternative auch das heimische Freibad empfohlen. Vielleicht für Leute, die zwar geimpft, aber knapp bei Kasse sind.
Aber auch, wer an die Street Parade möchte oder vor hat, zu heiraten, braucht einen Piks, wie uns hier nicht besonders subtil vermittelt wird.
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Über 30 solcher Sujets gibt es zur Auswahl, auch in Bosnisch, Kroatisch, Albanisch, Türkisch und so weiter. Vor einer knappen Woche lancierte die Gesundheitsdirektion die Kampagne, unter anderem mit einem Beitrag auf Facebook. Mit bescheidenem Erfolg: Der Beitrag wurde rund 50 Mal geteilt, zu einem schönen Teil allerdings nicht von Leuten, die damit für die Impfung werben wollten, sondern die Kampagne kritisierten. Viele Rückmeldungen fallen wenig freundlich aus. Eine Leserin meint: «Lieber Kanton Zürich, scheint so als impfe man sich für Privilegien und nicht um sich zu schützen.»
Die Thurgauer SP-Kantonsrätin und Wissenschafterin Barbara Müller, eine frühe Kritikerin der Massnahmenpolitik, kommentiert die Sujetreihe so:

«Interessant, mit was die für die Impfung werben! Wäre es nicht angebracht, wenigstens mit der tollen Wirkung dieser Spritze gegen das Virus zu werben (wenn es denn so wäre)?»

Aber immerhin liefert der Kanton Zürich mit seiner Kampagne gleich eine praktische Übersicht, auf was man als Ungeimpfter in Zukunft alles zu verzichten hat. Eine Art Verbotskatalog. Schriftliche Fragen zur Impfkampagne mochte die Zürcher Gesundheitsdirektion bisher nicht beantworten.

Der Bund verschenkt Herzen

Die Zürcher sind nicht allein mit dieser Masche. Auch das Bundesamt für Gesundheit will nicht mit der banalen Botschaft für die Impfung werben, dass diese die Gesundheit schütze. Stattdessen sollte man sich die volle Dröhnung zweier Impfrunden geben zum Wohl anderer. Und zwar nicht in erster Linie dem der Mitmenschen, sondern für die Lieblingsbeiz, das Lieblingskino, das Lieblingsmuseum – oder das hier:
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Nicht einmal im darunter beigestellten Text ist eine positive Wirkung auf die Gesundheit ein Thema. Stattdessen heisst es dort:

Durch das Impfen helfen wir mit, die Pandemie einzudämmen. Damit wir irgendwann wieder ohne Einschränkungen Ausflüge zu den Tieren im Zoo geniessen können.

Werbekampagne BAG
Die Botschaft lautet: Ohne dich gehen Zoo und Co. vor die Hunde, der Eisbär vereinsamt, weil du nicht mehr dorthin kannst. Was nicht einer leichten Ironie entbehrt, nachdem die Massnahmen des Bundesrats im Zusammenspiel mit dem Bundesamt für Gesundheit ja erst dafür gesorgt haben, dass Beizen und Kinos und Zoos überhaupt geschlossen waren (und zum Teil noch sind) und nun zu kämpfen haben. Retten soll sie jetzt aber die Bevölkerung. Via Spritze.

Erzwungene «Solidarität»

«Das Herz-Symbol steht für Solidarität», sagt Adrian Kammer, Kampagnenleiter beim BAG, in einem Interview mit dem Medienportal persoenlich.com. Was ein inzwischen gang und gäbe gewordener Missbrauch des Begriffs Solidarität ist. Diese muss per Definition freiwillig und nicht unter Zwang erfolgen, ansonsten ist es keine Solidarität. Wie freiwillig eine Impfung ist, bei der man aus vielen Bereichen ausgesperrt bleibt, wenn man sich ihr nicht unterzieht, ist fraglich. Oder nicht einmal das.

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