Arme reiche Kinder – wie Unicef Weihnachtspolitik macht

Arme reiche Kinder – wie Unicef Weihnachtspolitik macht

Weihnachtsshopping hin, Skiferien her – der Jugend in der Schweiz und Liechtenstein geht es miserabel. So jedenfalls stellt es Unicef Schweiz in einer neuen Studie dar. Natürlich können nur der Staat und seine Helfer die Tränen trocknen.

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von Claudia Wirz am 22.12.2021, 05:00 Uhr
Freude am ersten Schnee in Zürich. Mehr als ein Drittel der Schweizer Kinder leidet laut Unicef trotzdem an psychischen Problemen. Bild: Key
Freude am ersten Schnee in Zürich. Mehr als ein Drittel der Schweizer Kinder leidet laut Unicef trotzdem an psychischen Problemen. Bild: Key
Es muss schrecklich sein, Kind in der Schweiz oder Liechtenstein zu sein. Wohin man schaut – ein einzig Elend. Diesen Eindruck könnte man erhalten, wenn man sich die neuste Studie von Unicef Schweiz zur psychischen Gesundheit der hiesigen Jugendlichen zu Gemüte führt. Die Studie, pünktlich zur Spendensaison publiziert, stützt sich auf eine Online-Befragung bei gut 1000 Personen zwischen 14 und 19 Jahren.

Lauter schlechte Erfahrungen

Die Situation sei besorgniserregend, schreibt Unicef. 69 Prozent der Jugendlichen haben «mindestens eine schlechte Kindheitserfahrung» gemacht. Zu diesen schlechten Erfahrungen zählen Mobbing in der Schule, das Gefühl, ungeliebt zu sein, verbale Erniedrigungen und natürlich Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung.
37 Prozent der 14- bis 19-Jährigen geben an, von psychischen Problemen betroffen zu sein. Jeder elfte Jugendliche habe schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Knapp ein Drittel der Jugendlichen hat niemanden, um über die eigenen psychischen Probleme zu sprechen.
Die Pandemie hat den Jugendlichen gemäss der Studie zugesetzt. Trotz einem der besten Bildungssysteme der Welt, einer rekordtiefen Jugendarbeitslosigkeit, einer intakten Natur und einem breiten Freizeit- und Sportangebot leiden 28 Prozent der Schweizer und Liechtensteiner Jugendlichen unter «schlechten Zukunftsaussichten», ebenso viele fühlen sich «ermüdet».

Die soziale Frage

Wie sich das für solche Studien gehört, wird der Befund mit der sozialen Frage verknüpft, schliesslich will man Massnahmen ableiten. Als die grössten Risikofaktoren hat die Studie wenig überraschend «schwierige Familienverhältnisse» und den «tiefen sozioökonomischen Status» eruiert.
«Jetzt müssen Lösungen her», rief Yaël Meier anlässlich der Präsentation dieser Studie in den digitalen Äther. Die 21-jährige Influencerin, Schauspielerin und Unternehmerin steht seit diesem Sommer als Vertreterin der Generation Z und als «Stimme der Jugend» ehrenamtlich im Dienst von Unicef Schweiz.
Und Unicef kennt die Lösungen. Es brauche dringend mehr Investitionen in die Sensibilisierung und Prävention. Zu gut Deutsch: Es braucht mehr Subventionen für die einschlägige Sozialindustrie und schon sind alle Tränen getrocknet. Die Erziehungsberechtigten spielen – wenn überhaupt – nur eine Nebenrolle.
Vorgeschlagen werden Präventionsprogramme, durch die Fachleute junge Menschen bereits früh erreichen, niederschwellige Beratungsangebote mit ausreichend Kapazitäten und stetiges Monitoring der psychischen Gesundheit.

Pathologisierung des Alltags

All das tönt nach reichlich Aufträgen für das wachsende Heer von Sozialarbeitern, die sich im Auftrag des Staats und auf Kosten des Steuerzahlers um Jugendliche kümmern.
Problematisch ist solcher Alarmismus aber nicht nur aus ordnungspolitischer Sicht. Krankheiten können auf diesem Weg auch eingeredet werden. Allan Frances, ein einflussreicher amerikanischer Psychiater, warnte in einem vielbeachteten Buch schon vor Jahren vor einer Hyperinflation der psychiatrischen Diagnosen und kritisierte, dass immer mehr ganz normale Gefühle oder Erfahrungen, die zu jedem menschlichen Leben gehören, zu Krankheiten umgedeutet werden. Er ist nicht der einzige Psychiater, der diese Meinung vertritt, und es ist offenkundig, dass dahinter eine Agenda steckt.
Ausserdem wird durch die Benennung der «Risikofaktoren» die Eigenverantwortung des Einzelnen abgewürgt. An jedem Scheitern, an jedem Zipperlein, an jedem schlechten Gefühl ist «das System» Schuld. So bleibt man lebenslang ein Opfer – und damit ein guter Kunde der Betreuungsindustrie. «Eine (psychische) Diagnose ist wie eine Ehe – sie begleitet eine Person ein Leben lang, und sie kann einen verfolgen», sagte der erwähnte Allan Frances einmal. Drum prüfe, wer sich ewig bindet; auch wenn es sich beim Gegenüber um den Sozialstaat handelt.

Spenden sammeln mit Armut

Auch das Hilfswerk Caritas sammelt in diesen Tagen Geld. Am 18. Dezember 2021 leuchteten wiederum Kerzen für mehr Solidarität mit Armutsbetroffenen in der Schweiz. Ziel sei eine «Schweiz ohne Armut», schreibt Caritas. Gemäss dem Hilfswerk sind 1,3 Millionen Menschen in der Schweiz von Armut betroffen. Um auf diese Zahl zu kommen, rechnet Caritas allerdings 600’000 Personen zusätzlich in die Armutsstatistik des Bundes hinein, die auf 735’000 Personen kommt. Im Jahr 2019 betrug die Armutsgrenze gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) durchschnittlich 2279 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 3976 Franken pro Monat für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren. Diese Armutsgrenze bestimmt das BfS auf der Basis der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), allfälliges Vermögen wird nicht berücksichtigt. So berechnet, dürfte das Ziel einer «Schweiz ohne Armut» rein statistisch nicht erreichbar sein. (fi.)

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Claudia Wirz18.1.2022comments

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