Arbeiten mit 89 Jahren: «Solange mich der da oben noch lässt, so lange mache ich auch weiter»

Arbeiten mit 89 Jahren: «Solange mich der da oben noch lässt, so lange mache ich auch weiter»

Auch mit 89 Jahren steht Johann Nadlinger noch voll im Arbeitsleben – und der Garagist hat nicht vor, demnächst aufzuhören.

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von Fabienne Niederer am 11.8.2021, 04:00 Uhr
Seit über 50 Jahren fährt er jeden Morgen zur Arbeit in seiner Autogarage in Zürich – und er hat keinerlei Pläne, das zu ändern. 
Dass Johann Nadlinger schon 89 Jahre alt ist, spielt für ihn dabei keine Rolle. BILD: Fabienne Niederer
Seit über 50 Jahren fährt er jeden Morgen zur Arbeit in seiner Autogarage in Zürich – und er hat keinerlei Pläne, das zu ändern. Dass Johann Nadlinger schon 89 Jahre alt ist, spielt für ihn dabei keine Rolle. BILD: Fabienne Niederer
Bereits um zwanzig vor vier in der Früh klingelt der Wecker auf dem Nachttisch von Johann Nadlinger – für die meisten eine ziemlich ungemütliche Zeit, um aufzustehen. Den gebürtigen Österreicher stört das aber nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil: Er macht es freiwillig. Eigentlich wäre Nadlinger denn bereits seit fast einem Vierteljahrhundert pensioniert. Mit 89 Jahren fährt er trotzdem noch jeden Tag gewissenhaft zu seiner Arbeitsstelle an der Zürcher Seestrasse, der Autogarage Jenatsch, dessen Gründer er ist. «Das war für mich ein Kindheitstraum», erzählt Nadlinger. Die Entscheidung, die Rente nach hinten zu verschieben, fiel ihm daher überhaupt nicht schwer.
Angefangen hat Nadlingers Karriere mit seiner Einreise aus Österreich im Jahr 1951. «Eigentlich war ich damals nur für die Ferien in der Schweiz», erzählt er. «Ich war frisch aus meiner Mechaniker-Ausbildung gekommen und hatte die Gelegenheit, bei einem Schmied im Kanton Zug zu übernachten.» Schnell war aber klar, dass Nadlinger nicht nur für ein paar Tage in der Schweiz bleiben wollte. Als er erfuhr, dass eben dieser Schmied auch gelegentlich Landmaschinen reparierte, witterte er seine Chance und wurde nach kurzer Überzeugung prompt eingestellt. Da vor knapp 70 Jahren noch andere Regeln für Arbeiter aus dem Ausland galten, war Nadlinger zwar gezwungen, am Ende des Jahres wieder auszureisen. Doch er blieb nicht lange fort: 1953 fand der Österreicher schliesslich eine Festanstellung als Automechaniker in der Schweiz und zog gemeinsam mit seiner Frau an den Zürichsee – übrigens ein Hauptgrund, weshalb er und seine Partnerin Verena überhaupt schon so früh heirateten. «Bei der Hochzeit war ich 21 Jahre alt», sagt er. Heute ein sehr junger Bräutigam, damals war das ganz normal. Und es bot einen entscheidenden Vorteil: «In der Zeit durften nur verheiratete Paare zusammen wohnen, also heirateten wir noch im selben Jahr, in dem wir auch in die Schweiz auswandern wollten.»

Eine glückliche Zukunft stand schon in den Sternen

Natürlich ist Nadlinger stolz auf seine Laufbahn und alles, was er in seinem Leben bisher erreicht hat. Für seinen Erfolg nennt er aber vor allem auch einen Grund: Glück. Das ziehe sich bereits bis in seine Kindheit zurück. «Als ich noch ganz klein war, hat meine Mutter einmal eine Wahrsagerin besucht», erzählt er. «Bei der Sitzung hat diese mir lebenslanges Glück vorausgesagt und beteuert, dass ich es immer gut haben werde.»
Eine vage Prophezeiung, zugegebeben, doch für Nadlinger hat sie sich bewahrheitet. So nennt er es Glück, wie er es in den späten Sechzigern zu seiner ersten eigenen Garage brachte: «Ich wurde von meiner alten Garage zu einem neuen Ableger meines Arbeitgebers versetzt und bekam dort das Angebot, diese zu leiten.» Später habe er sogar die Chance bekommen, dem Besitzer die Garage spontan abzukaufen.» Und mit spontan übertreibt er nicht: Das Angebot bekam er an einem Freitag, am Montag erwarteten die Arbeitgeber bereits eine Antwort. Nadlinger willigte ein und mit zehn Angestellten war er fortan selbständiger Garagen-Leiter. Und die Glückssträhne geht noch weiter. «Ein paar Jahre später wurde uns ein Teil der Fläche, auf der wir eingemietet waren, weggenommen», erzählt er. «Genau da trafen wir zufällig einen Kunden, dessen Bruder eine eigene Garage zum Verkauf anbot.» Seit etwas mehr als zehn Jahren steht die Jenatsch-Garage deshalb nun an der Zürcher Seestrasse.
Glück gehabt habe Nadlinger auch mit seiner Familie, wie er betont: «Mit meiner Frau hatte ich grosses Glück, das ist mir bewusst.» Nicht jeder würde es mitmachen, dass der Partner noch 20 Jahre nach der Rente einfach weiterarbeite, sagt er. Für ihre Beziehung aber funktioniere das gut; Er habe die Richtige gefunden. Und er betont nicht ganz zu Unrecht: «Schliesslich gibt es ja nicht selten den anderen Extremfall: Ein Mann, der 40 Jahre lang jeden Tag im Büro gearbeitet hat, kommt plötzlich nach Hause. Und dann?» Viele Paare seien fast schon ein wenig überfordert, von einem Moment auf den anderen den ganzen Tag miteinander zu verbringen. Glück, sagt Nadlinger, hatte er auch bei der Nachfolgeregelung – denn dass Sohn Hans den Betrieb auch übernehmen wollen würde, war nicht selbstverständlich: «Ich hätte ihn nie zu etwas zwingen wollen, das er nicht tun möchte.» Umso stolzer sei er nun auf Nadlinger Junior, der mittlerweile schon über 30 Jahre lang die Jenatsch-Garage leitet. «Er hat den Betrieb sehr jung schon übernommen», sagt Nadlinger, «das ist alles andere als einfach, vorallem wenn man sich den Respekt von Konkurrenz und Kundschaft verdienen möchte.» Sogar der Enkelsohn hat seine Begeisterung für den Mechanikerberuf entdeckt und ist mittlerweile Teil des Familienbetriebs.
Braucht sogar ein Mann wie Nadlinger einmal eine Pause – was man sich gar nicht richtig vorstellen mag – hat er sich seine ganz eigene Rückzugsoase geschaffen: Ein Bauernhof im Kanton Thurgau. Die Landwirtschaft ist seine zweite grosse Leidenschaft, und obwohl er den Unterhalt des Hofs einer anderen Familie überlassen hat, fährt er noch immer fast jedes Wochenende aufs Land. «Im Gegensatz zum Alltag in der Stadt verschafft mir das Land und die Natur eine gewisse Ruhe, die ich sehr geniesse.» Nicht selten setze er sich deshalb auch einfach mal eine halbe Stunde lang in den Stall und leiste den Tieren dort Gesellschaft.

Arbeiten ist die beste Medizin

In der Garage hat Nadlinger schon seit Jahren keine Führungsposition mehr. Trotzdem ist er noch immer ein wertvolles Mitglied des Betriebs, sichtet Rechnungen, überprüft die Post oder betreut Kunden. Vor allem die treue Kundschaft schätze das sehr. «Manche der Kunden kenne ich schon seit Jahren und gar Jahrzehnten.» Nicht wenige sind seitdem gute Freunde geworden. «Das garantiert immer wieder lustige Begegnungen.»
Und die Stammkunden werden ihn weiter zu Gesicht bekommen: Auch mit 89 Jahren denkt der tüchtige Mann noch immer nicht an den Ruhestand. «Ich habe einmal mit einem Arzt gesprochen, der hat gemeint: Die beste Medizin gegen Altersbeschwerden ist Arbeit.» Das mag für manch Jüngeren unvorstellbar klingen, bei Nadlinger hat es sich bewahrheitet:. «Während ich weiter in meiner Routine geblieben bin, war ich fast immer auch gesund», sagt er. «Solange mich der da oben also noch lässt, so lange mache ich auch weiter.»

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