Anne Bäbi Jowäger, das Corona-Virus und wir

Anne Bäbi Jowäger, das Corona-Virus und wir

Wer sich nicht impfen lassen will und dann erkrankt, hat die Folgen zu tragen. Das musste schon Anne Bäbi Jowäger erfahren, Gotthelfs Titelgestalt aus dem Doppelroman von 1844, der ja auch ein Impfroman ist. Sind wir heute so viel klüger als damals? Es scheint nicht.

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von Gottlieb F. Höpli am 3.9.2021, 09:00 Uhr
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Eine Pocken-Epidemie war es, welche die Berner Regierung bewog, eine Aufklärungskampagne für die damals neue Therapie des Impfens in Auftrag zu geben. Der wortgewaltige Pfarrherr von Lützelflüh und streitbare Journalist Albert Bitzius schien dafür gerade der Richtige zu sein. Denn die störrischen Bauern unter den weit herunterragenden Dächern des Emmentals waren für derartige Neuerungen nicht so leicht zu haben. Impfen? «Es ist nicht der Bruch gewesen in unserem Haus; der Ätti hat es nicht getan und der Grossätti nicht und niemere, so wyt me si hingerebsinne cha,» heisst es auf den ersten Seiten des Romans, der dann freilich weit über das Auftragsthema des Impfens hinauswächst. Es wäre doch «schrecklich, wenn wir das arme Kind so unnütz plagen würden und so mutwillig wären und es krank machten für nüt und wieder nüt,» lesen wir weiter. Was auch uns Heutigen ziemlich bekannt vorkommt….
Nun, Annebäbis einziges Kind erkrankt bekanntlich an den Pocken, und allerlei zusätzliche Quacksalberei führt dazu, dass Jakobli nicht nur sein Leben lang grässlich verunstaltet, sondern auch auf einem Auge blind sein wird. «Viel Unverstand herrscht im Leben seit uralten Zeiten,» schreibt Gotthelf in seinem Vorwort – «aber auch manch Lebensverhältnis ist verdoktert worden in der neusten Zeit». Will sagen: Man muss selber wissen und entscheiden, wie und was von der Medizin und ihren neuen Methoden man anwenden will. Damals schon, und heute erst recht. Aber man muss auch die Konsequenzen dieses Entscheids tragen. Man nennt das Verantwortung. Das ist nicht anders als vor 177 Jahren im Emmental.
Die Lehre aus dem Roman, den man nicht nur aus aktuellem Anlass wieder einmal zur Hand nehmen sollte, ist einfach: Wer sich gegen eine ansteckende Krankheit nicht impfen lassen will, der muss die Folgen der Nichtbehandlung tragen. Dabei übernimmt er auch Verantwortung für seine Mitmenschen, die er eventuell mit dem Virus ansteckt.
So einfach ist das im Grunde, damals wie heute. Nur dass die Verantwortung für die Nicht-Impfung heute auch die Frage umfasst: Bin ich als Nicht-Impfwilliger auch bereit, im Falle einer Ansteckung auf die medizinische Behandlung der Infektion zu verzichten? Die Frage müsste eigentlich – nein: muss! – allen Impfunwilligen gestellt werden. Immer wieder. Vor allem jenen, die ihre Impfgegnerschaft permanent öffentlich zur Schau stellen. Täten wir dies konsequent genug, wäre die Diskussion über einen «Impfzwang» vielleicht plötzlich weniger dringlich. Und statt sich dem täglichen Covid-Medienlärm auszusetzen hätte man sogar Zeit, wieder einmal Gotthelfs wunderbaren Roman «Anne Bäbi Jowäger» zu lesen.

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