Angeklagter nur aufgrund von Indizien zu lebenslanger Haft wegen Mord an seiner Frau verurteilt

Angeklagter nur aufgrund von Indizien zu lebenslanger Haft wegen Mord an seiner Frau verurteilt

Ein 50-Jähriger wurde heute vom Bezirksgericht Meilen zu einer Lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Die Staatsanwaltschaft legte den Fall eigentlich bereits als Unfall zu den Akten.

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von Stefan Bill am 3.5.2021, 19:25 Uhr
Das Bezirksgericht Meilen fällte heute ein Urteil in erster Instanz. (Bild: Stefan Bill)
Das Bezirksgericht Meilen fällte heute ein Urteil in erster Instanz. (Bild: Stefan Bill)
Versuchter und vollendeter Mord, mehrfacher und teilweise versuchter Betrug. Das sind die Anschuldigungen, aufgrund derer ein 50-Jähriger seit über vier Jahren in Untersuchungshaft sitzt. Der Staatsanwaltschaft forderte lebenslänglich, die Verteidigung den vollumfänglichen Freispruch sowie 3,7 Millionen Franken als Entschädigung und Genugtuung. Es handelt sich um einen reinen Indizienfall, über den das Bezirksgericht heute ein Urteil fällte. 2014 ging die Staatsanwaltschaft noch von einem Unfall mit Todesfolge aus, doch dann rollte eine Versicherung, bei der das Leben des Opfers mit 500’000 Franken versichert war, den Fall neu auf. Die neu gewonnenen Erkenntnisse führten letztlich zu einer Anklage. Die Indizien füllen gemäss Staatsanwalt Alexander Knauss 52 Bundesordner, eindeutige Beweise gibt es allerdings nicht. Trotzdem sprach heute das Gericht den Angeklagten in allen Punkten, mit Ausnahme des vollendeten Betruges, als schuldig und verurteilte ihn zu lebenslanger Haft.

So lautet die Anklage

Gemäss der Anklageschrift hat der IT-Spezialist in der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember 2012 in einer Finca auf Mallorca, die er für dreieinhalb Monate mietete, versucht seine damalige Frau umzubringen. Er schlug ihr ins Gesicht und brach ihr dadurch mehrere Knochen. Zudem erlitt die Frau eine traumatische Hirnverletzung. Kurz darauf fuhr er mit dem Auto, dass die beiden für die Ferien gemietet hatten, gegen die Beine der bereits schwer verletzten Frau, klemmte sie zwischen einer Mauer und dem Auto ein und brach ihr so beide Kniescheiben und die Oberschenkel. Er liess die Frau ein paar Meter vor der Finca am Boden liegen, ging ins Haus zurück, um das Fenster zu öffnen und den Vorhang zur Seite zu ziehen, um so ein Sturz aus dem Fenster vorzutäuschen. Danach fuhr er mit dem gemeinsamen Kind nach Palma de Mallorca und suchte sich dort ein Hotelzimmer für den Rest der Nacht. Erst zwei Stunden später fuhr er zurück zur Finca und rief dabei die Notrufzentrale an. Er meldete einen epileptischen Anfall seiner Ehefrau. Als die Rettungskräfte eintrafen, führte er sie absichtlich in die entgegengesetzte Richtung der Finca, mit der Absicht die medizinische Versorgung der schwerverletzten Frau zu verzögern, damit diese in der Zwischenzeit verstarb.
Zum Tatzeitpunkt soll die Ehefrau bereits seit Monaten konkret von einer Trennung gesprochen haben. Der Ehemann befürchtete den Verlust der Obhut über den gemeinsamen Sohn, sowie die entstehenden Unterhaltszahlungen, die bei einer Trennung auf ihn zukommen würden.
Die Frau überlebte jedoch und wurde mit der Rega in die Schweiz geflogen. Wegen der Schwere der Verletzungen wurde sie in vier verschiedenen Kliniken behandelt. Sie lag im Koma, erlitt eine Amnesie und konnte sich nicht mehr an die Ereignisse im Dezember auf Mallorca erinnern. Sie blieb seit den Vorfällen schwer gehbehindert.
Als sie am 22. Februar 2014 aus der letzten Klinik entlassen wurde, hat der Beschuldigte die Frau in einer Einzimmerwohnung in Küsnacht mit 48 Treppenstufen untergebracht – ohne Lift. Eine ärztlich verordnete Psychotherapie, Physiotherapie, Ergotherapie und eine Spitex-Behandlung für die Frau lehnte er ab. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden bereits seit rund zwei Monaten geschieden. Gemäss dem Scheidungsurteil hätte er seiner Ex-Frau und seinem Sohn Alimente von monatlich 3’700 Franken zahlen müssen. Das ungeöffnete Couvert mit dem Urteil, adressiert an seine Frau, fand man später in seiner Wohnung.
Am 16. April 2014 soll der Mann kochendes Wasser über den Rücken und das Gesäss seiner nunmehr Ex-Frau geschüttet und sie im Lavabo oder in der Badewanne ertränkt haben. Um seine Tat zu vertuschen, liess er heisses Wasser in die Badewanne einlaufen, um ein Sturz vorzutäuschen, der zum Ertrinken des Opfers geführt haben soll. Das heisse Wasser in der Badewanne sollte die Verbrühungen erklären. In eben dieser Badewanne wurde die Frau gefunden.
Sie trug einen Pullover, Socken aber weder Hosen noch Slip. Zudem fand man in der Badewanne eine Plastikflasche, ein Teller, ein Handy, Sandalen und ein Festnetztelefon. Die Staatsanwaltschaft kam zum Schluss, dass ein Unfalltod als Todesart anzunehmen ist und stellte das Verfahren betreffend aussergewöhnlichen Todesfall am 24. September 2014 ein.
Allerdings wurde die Versicherung, bei der das Ehepaar 2003 eine Todesfallversicherung über 500’000 Franken abschloss, stutzig, da der Mann bereits am 17. April, also einen Tag nach dem Tod seiner Ex-Frau, seinen Leistungsanspruch anmeldete.
Weiter wurde dem Mann zur Last gelegt, dass er 2009 unrechtmässig 51’871 Franken für die Monate Juni bis Dezember von der Arbeitslosenkasse bezogen hatte. Er gab an Ganzzeitarbeitsloser zu sein, obwohl er von einer Firma in Schweden weiterhin seinen vollen Lohn von insgesamt rund 175’000 in diesen Monaten bezog.
Der Staatsanwalt Andreas Knaus forderte aufgrund der besonders «skrupellosen Vorgehensweise», sowie der «ausserordentlichen Gefühlskälte und Grausamkeit» des Verbrechens die Höchststrafe: Lebenslänglich.

Die Verteidigung

Die Verteidigerin Caroline Engel forderte dagegen einen vollumfänglichen Freispruch sowie 3,7 Millionen Franken an Entschädigungen und Genugtuungen für den Beschuldigten. Die Vorwürfe seien unhaltbar und würden lediglich auf Indizien beruhen. Zudem sei entlastenden Beweisen nicht nachgegangen worden und ein Grossteil des Beweismaterials sei nicht verwertbar. An der Leiche seien keine Spuren einer Gegenwehr festgestellt worden und die beiden Fälle von versuchtem Mord und Mord seien nur aufgrund der Gewinnmaximierung der Versicherung wieder aufgerollt worden. Zudem hätten die ersten rechtsstaatlich korrekt durchgeführten Zeugenbefragungen im Fall Mallorca erst fünfeinhalb Jahre nach dem Vorfall stattgefunden. Ihr Mandant hätte den gemeinsamen Sohn retten wollen, nachdem das Opfer diesen gewürgt habe. Er hätte auch niemanden in die Irre führen wollen, sondern sich in Mallorca schlichtwegs nicht ausgekannt.
Zum Mordfall in Küsnacht gebe es sich widersprechende Gutachten. Zudem sei das Opfer psychisch krank gewesen. Die Verteidigerin sprach von einer akuten psychotischen Störung mit Schizophrenie.

Das Urteil

Das Gericht sprach heute von «Skrupellosigkeit und ganz erheblicher krimineller Energie». Für sich betrachtet könne ein Indiz Zweifel offen lassen. Es sei allerdings die Gesamtheit der Indizien zu würdigen. Aufgrund verschiedener Gutachten und des Mosaik an Indizien sei das Gericht davon überzeugt, dass der Angeklagte schuldig ist. Beispielsweise seien bei einem Gutachten Verletzungen bei der Getöteten festgestellt worden, die mit einer körperlichen Auseinandersetzung erklärt werden können. «Auch in einem so grossen Mosaik werden immer Lücken übrig bleiben.» Trotzdem seien die Indizien zu umfänglich. Es bestehen daher aus Seiten des Gerichtes keine ernsthaften Zweifel daran, dass er sie umgebracht hat. Allgemein wies das Spurenbild eine derart hohe Zahl an Ungereimtheiten auf, dass die Hypothese eines Selbstverschulden unplausibel ist. Die Korrespondenz zwischen der Versicherung und des Beschuldigten würden Bände über dessen Charakter sprechen. Auch die psychologischen Gutachten sprechen von einem äusserst manipulativen, reizbaren Charakter.
Das Gericht spricht von einer Geringschätzung des Lebens im krassesten Ausmass. «Das Gesamtverschulden ist ausserordentlich schwer, daher kommt für das Gericht nur eine lebenslängliche Freiheitsstrafe in Frage. Daher braucht auf den versuchten Mord nicht mehr einzugangen werden. 18-20 Jahre wären hier aber ebenfalls angemessen.» Das Gericht hielt fest, dass die Ermordete sich in beiden Fällen die Verletzungen unmöglich selbst zugefügt haben könne. Es geht daher von einer Dritteinwirkung aus. Der Angeklagte hatte ein Motiv und die Gelegenheit. Besonders, da die Tatorte in beiden Fällen manipuliert wurden, um einen Unfall vorzutäuschen, schliesst das Gericht eine unbekannte Drittperson als Täter aus.
Auch im Falle des versuchten Betrugs sprach das Gericht den 50-Jährigen Vater schuldig, weil er versucht hatte die Versicherungssumme von 500’000 Franken aus der Lebensversicherung zu kassieren. Ein Teilfreispruch erfolgte bezüglich des Vorwurfs des vollendeten Betrugs, da einige Dokumente nicht mehr vorhanden sind und daher die Schuld nicht mehr nachgewiesen werden kann.
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und es kann innert zehn Tagen Berufung eingelegt werden. Es ist wahrscheinlich, dass die Verteidigung den Falls ans Obergericht weiterzieht.
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