Angehende Fachkraft: «Es hat zu viele Leute in der Pflege»

Angehende Fachkraft: «Es hat zu viele Leute in der Pflege»

Übervolle Stationen, endloser Stress. Die Klagen über Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen in der Pflege reissen nicht ab. Eine angehende Pflegefachfrau kommt zu ganz anderen Schlüssen: Viele Angestellte hätten eine schlechte Arbeitsmoral und bestärkten sich gegenseitig in der Opferrolle.

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von Alex Reichmuth am 4.1.2022, 05:00 Uhr
Alles halb so schlimm? Pflege in einem Alterszentrum. Bild: Keystone
Alles halb so schlimm? Pflege in einem Alterszentrum. Bild: Keystone
Mit wuchtigen 61 Prozent Ja hat das Schweizer Stimmvolk Ende November die Pflege-Initiative angenommen. Es war ein Wink mit dem Zaunpfahl: Das Volk wünscht, dass die Arbeitsbedingungen für Pflegende besser werden.
Vor allem seit dem Ausbruch der Pandemie, aber auch schon zuvor, wiederholten es Fachleute, Politiker und Medienschaffende pausenlos: Das Pflegepersonal sei chronisch überlastet. Die Stationen seien übervoll und die Stellenpläne unterdotiert. Die Bedingungen in den Spitälern, aber auch in den Heimen laugten die Pflegenden aus. Die Bezahlung sei schlecht. Krankheitsfälle und Burn-Outs häuften sich. Viele Berufsleute quittierten den Job – was den Personalmangel noch verschärfe.

«Viele leiden an einem Bore-Out»

Dieses Lamento ist weitgehend unwidersprochen. Es gilt als Fakt, dass das Pflegepersonal massiv überlastet ist. Zu einem ganz anderen Schluss kommt allerdings Linda Wehrli*. Sie ist angehende Pflegefachfrau und steht kurz vor dem Abschluss ihrer dreijährigen Ausbildung. Das überraschende Fazit von Wehrli, nach fast drei Jahren in der Praxis: Es hat nicht zu wenig Personal in der Pflege – sondern zuviel.
Wehrli ist Quereinsteigerin. Sie war vor ihrem Wechsel in die Pflege viele Jahre in der Privatwirtschaft tätig, als Selbständige, und bringt einiges an Lebenserfahrung mit. Während ihrer Ausbildung arbeitete sie an verschiedenen Orten in der Langzeitpflege. Dank ihren Kontakten und Kolleginnen bekommt sie auch Einiges mit, wie es auf anderen Stationen läuft.
«Viele Pflegenden leiden an einem Bore-Out», lautet Wehrlis Fazit. Bore-Out bezeichnet eine Situation der ständigen Unterforderung und Langeweile, die krank machen kann.

Ineffiziente Abläufe

An diesem Zustand sei das Pflegepersonal zu einem grossen Stück selber schuld. Zum einen funktionierten viele Stationen ineffizient. «Da wird etwa endlos im Team verhandelt, wer welche Aufgaben übernimmt. Umständlich wird besprochen, wer die Badetücher in den Zimmern wechselt – anstatt, dass das jemand kurzentschlossen erledigt.» Langfädige Diskussionen seien an der Tagesordnung. Das koste Elan.

«Ein grosser Teil der Pflegenden hat gar keine Freude daran, Leute zu pflegen.»

Angehende Pflegefachkraft

Zum anderen spricht Linda Wehrli von Versteckspielen des Personals. «Es gibt sicher viele gute Leute. Aber ein grosser Teil der Pflegenden hat gar keine Freude daran, Leute zu pflegen.» Solches Personal übersehe bewusst, wenn bei Bewohnern oder Patienten angepackt werden sollte. «Man läuft vorbei und tut so, als ob man nichts bemerkt. Dann ‘verschlauft’ man sich im Büro und gibt sich wahnsinnig beschäftigt. Anstehende Arbeiten werden mit Vorliebe verschoben – in der Hoffnung, dass jemand anderes sie erledigt.»
Viele Pflegende würden überlange Rauchpausen und «Schwarzstündchen» abhalten. «Sie haben dabei oft eine ‘Stinkelaune’ und bestärken sich gegenseitig in ihrer Opferrolle. Alles tut ihnen angeblich weh, sie jammern dauernd.»

«Aus der Privatwirtschaft ganz anderes gewohnt»

Vielen Leuten in der Pflege gehe es tatsächlich nicht gut, sagt Linda Wehrli. «Sie sind frustriert, weil sie sich ständig drücken. Viele sind psychisch angeschlagen. Krankheitsausfälle häufen sich. Es würde solchen Leuten besser gehen, wenn sie richtig viel zu tun hätten.»

«Die Pflegeleitung hat oft kein Sensorium dafür, für ein gutes Betriebsklima zu sorgen.»

Angehende Pflegefachkraft

Zu wenig Personal? Da müsse sie lachen, meint Wehrli. «Aus der Privatwirtschaft bin ich ganz andere Verhältnisse gewohnt.» Wenn man in der Pflege wirklich anpacken würde, wäre es nicht zuviel Arbeit. Aber es fehle an der Einstellung. Man helfe sich auch zwischen den Stationen kaum aus.
Es fehle nicht selten auch an der Pflegeleitung. «Dieses hat oft kein Sensorium dafür, für ein gutes Betriebsklima zu sorgen. Dabei bräuchte es meist nicht viel: Angenehmere Pausenräume einrichten etwa. Oder dafür sorgen, dass die Arbeitskleidung, die bereitsteht, wirklich passt.»

«Die schlechten Leute entlassen»

Wie könnte man für Besserung sorgen? Linda Wehrli ist radikal: «Man müsste die schlechten Leute entlassen. Diese tragen sowieso kaum etwas bei, sondern vergiften das Arbeitsklima.» Von Vorteil wären kompetitivere Bedingungen. «Aber es ist im Gesundheitswesen eben alles staatlich geschützt. Es herrscht Beamtenmentalität.»

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«Es herrscht Beamtenmentalität»: Pflege in einem Alterszentrum. Bild: Keystone

Wehrli gibt zu, dass es ihr während ihrer Ausbildung wegen den beschriebenen Zuständen zuweilen «ausgehängt» habe. Um das zu umgehen, möchte sie nach ihrem Berufsabschluss wieder als Selbständige arbeiten. «Eine eigene Pflegeinstitution gründen, heisst das Ziel.» Sie ist zuversichtlich, dass sie passendes Personal findet, das sie anstellen kann. «Es gibt gute Leute, und die kommen gerne dorthin arbeiten, wo es ‘lässig’ ist.» Mit weniger Personal sei mehr möglich, weil dann alle gefordert seien. «Aber viele Pflegende wissen nicht mehr, wie sich ein wirklich toller Arbeitstag anfühlt.»
*Name geändert
Rückmeldungen an: alex.reichmuth@nebelspalter.ch

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