Analyse zeigt: Geschlossene Schulen sind ein Unding

Analyse zeigt: Geschlossene Schulen sind ein Unding

Die Schulen in der Schweiz setzen seit längerem wieder auf Präsenzunterricht. Stets aber wurde vermittelt: Wird die Lage wieder schlimmer, ist «Home Schooling» erneut ein Thema. Eine Analyse aus Deutschland zeigt: Die Kinder nicht zur Schule zu schicken, ist kontraproduktiv.

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von Stefan Millius am 3.6.2021, 04:00 Uhr
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Im Immobiliensektor gilt das Motto: «Lage, Lage, Lage.» Beim Coronavirus ist es: «Distanz, Distanz, Distanz.» Letztlich gehen fast alle getroffenen Massnahmen wie geschlossene Restaurants, Personenbeschränkung in Läden oder der Versuch, Ansammlungen zu verhindern, auf diese Lösung zurück. Je mehr Menschen zusammenkommen, desto eher verbreitet sich das Coronavirus: Diese einfache Wahrheit steckt hinter der Coronapolitik fast aller Länder, auch der Schweiz. Mehr noch, selbst jetzt, wo sich die Lage jahreszeitbedingt beruhigen dürfte, vermitteln Regierungen und Behörden, dass es immer noch ratsam ist, auf Abstand zu seinem Gegenüber zu gehen. Die Distanz ist offenbar gekommen, um zu bleiben.

Im direkten Vergleich

Wenn das so ist, wird es wohl auch für die Schulen gelten. Und so wurde es auch gelebt. Mehrere Wochen im Frühling 2020 sassen Schülerinnen und Schüler in der Schweiz zuhause mit einem dicken Paket an Aufgaben und Lernmaterial. Nur: Das war wohl in erster Linie kontraproduktiv – und wäre es auch in Zukunft. Und das nicht nur bildungstechnisch, sondern auch bezüglich Gesundheit.
Die Universität München hat die Schulsituation untersucht. Konkret verglich sie zwei Szenarien: Distanzunterricht – sprich «Schule» zuhause – und Präsenzunterricht, aber verbunden mit verpflichtenden Tests und der Einhaltung der üblichen Hygieneregeln.
Die Quintessenz der Untersuchung: Wer Schulen schliesst und die Kinder zuhause lernen lässt, wähnt sich in trügerischer Sicherheit. Denn diese Massnahme bewirkt vor allem eines: Die Dunkelziffer der Ansteckungsfälle wächst.
Ein «natürliches Experiment»
Die Forscher hatten direkt vor der Haustür ideale Voraussetzungen für ihre Arbeit. Denn nach den Osterferien wurde in Bayern die Testpflicht an Schulen verordnet. Die Erkenntnisse aus dieser Massnahme waren die Grundlage – die Autoren nennen es «ein natürliches Experiment» –, um Vergleiche anzustellen. Man musste nur die 7-Tage-Meldeinzidenz von Neuinfektionen pro 100’000 Einwohner unter die Lupe nehmen und schauen, wie sie sich vor und nach Ostern entwickelt hat.
Es zeigte sich: Dort, wo Präsenzunterricht mit Testpflicht einherging, stieg die Zahl der gemeldeten Inzidenzen um den Faktor 4,5 bei 5- bis 11-Jährigen und 1,8 bei 12- bis 20-Jährigen. Was beim schnellen Blick missverstanden werden könnte: Schulen als Ansteckungsherd, Distanzunterricht als Schutzmassnahme.
Aber das heisst es laut den Erkenntnissen der Wissenschaftler nicht wirklich. Das Resultat bedeutet laut der Auswertung in erster Linie, dass der Präsenzunterricht die Zahl der vorliegenden Fälle offenlegte, während diese beim Distanzunterricht einfach nicht erkannt und erfasst wurden. Offene Schulen mit Tests seien «aus epidemiologischer Sicht ein Vorteil», so die Autoren der Untersuchung, weil die Dunkelziffer bei den Infektionen so drastisch gesenkt werden konnte. Man wusste nun, mit was man es zu tun hatte.
Symptomlose Ansteckung ausgeblendet
Die Angst, Schüler könnten sich gegenseitig sowie Lehrpersonen und später ihre Verwandten anstecken, verdeckt bei Befürwortern des Distanzunterrichts offensichtlich die Sicht auf eine Gefahr, die sie sonst gern immer betonen: Die von symptomlosen Trägern des Virus. Werden sie nicht getestet, können sie auch schlecht entdeckt werden, werden also zu «stillen Verbreitern».
Der Präsenzunterricht nach Ostern zusammen mit der Testpflicht hat in Bayern dazu geführt, dass viele Fälle erkannt wurden, die sonst verborgen geblieben wären. Denn «Home Schooling» ist nicht zu verwechseln mit Isolation oder Quarantäne: Die davon betroffenen Kinder treffen sich weiterhin mit anderen, gehen auf Spielplätze, sind beim Einkauf und zu Besuch bei Verwandten. Man wähnt sich dank geschlossener Schulen gewissermassen in falscher Sicherheit.
Testpflicht bleibt umstritten
Wobei die Autoren der Untersuchung ihre Arbeit nicht als Appell zur Testpflicht an Schulen verstanden haben wollen. Sie hatten nur die Frage im Fokus, wie die «Dunkelziffer bei relativ hohen Inzidenzzahlen» reduziert werden könne. Es gebe durchaus aus anderer Perspektive Kritik an der Testpflicht, beispielsweise der Umgang mit falsch-positiven Testergebnissen. Diese Aspekte wurden hier bewusst nicht berücksichtigt. Zudem ist die Ansteckung durch asymptomatische Personen nach wie vor ein umstrittenes Thema.
Das Fazit der Münchner Forscher bezogen auf den Gegenstand ihrer Untersuchung fällt aber klar aus: Wenn es darum gehen soll, symptomlose Infektionen aufzudecken, um Infektionsketten zu unterbrechen und so einen Beitrag zur Pandemiebewältigung zu leisten, sei das der richtige Weg: Schulöffnungen für den Präsenzunterricht, verbunden mit einer Testpflicht und den notwendigen Hygienemassnahmen. Reine Distanz um der Distanz Willen hingegen schafft regelrechte Dunkelkammern.
Dass – auch in der Schweiz – bei zunehmenden Inzidenzen gern sofort wieder nach geschlossenen Schulen gerufen wurde, ist aus Sicht der Wissenschaft also genau das falsche Mittel.

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