Am ländlichen Wesen soll die Schweiz genesen

Am ländlichen Wesen soll die Schweiz genesen

Wie ein SVP-dominiertes Dorf eine Realsatire über ein elektrisches Mobility-Auto schreibt.

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von Martin Breitenstein am 25.8.2021, 10:00 Uhr
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Seit der letzten eidgenössischen Volksabstimmung ist landauf landab vom Stadt-Land-Graben die Rede. Die SVP hat sich sogleich das Thema populistisch und programmatisch zu eigen gemacht und will den hochnäsigen Städtern nun gschaffige ländliche Mores lehren. Diese helvetische Version des Clash of Civilizations hat sich in meiner ländlichen Wohngemeinde in Gestalt einer Realsatire abgespielt.
Ein Geschenk ohne Fortune
Am Anfang der Geschichte stand ein Geschenk. Es stammte von der Zürcher Kantonalbank, die eine Jubiläumsdividende an alle Gemeinden des Kantons Zürich ausgeschüttet hatte, bemessen nach deren Einwohnerzahl. Knapp fünfzehntausend Franken entfielen auf die beschauliche Landgemeinde. Für einmal wollte auch deren Gemeinderat modern und etwas urban sein: Er beschloss, der Dorfbevölkerung (und sich selbst als Dienstwagen) ein Carsharing-Auto zur Verfügung zu stellen, und erst noch ein elektrisches. Mit Mobility schloss er einen Vertrag, der bei hoher Nutzung sogar neues Geld in die Gemeindekasse gespült hätte. Eine Ladestation wurde installiert, das Auto hingestellt. Dieser scheue Hauch städtischen Lebens war einigen Einwohnern nicht geheuer. Sie beschwerten sich in einem offenen Brief beim Gemeinderat: man hätte die Bevölkerung befragen müssen, Mobility sei nur in Stadt und Agglomeration nützlich, es würden nur wenige profitieren.
Der Vertrag sei nun schon geschlossen, sagte der Gemeinderat, er liege in seiner Kompetenz. Viele Einwohner könnten durch die gelegentliche Benützung dieses umweltfreundlichen Elektroautos vielleicht auf einen erdölbetriebenen Zweitwagen verzichten. Und die anderen vorgetragenen Ideen, was man mit dem ZKB-Geld hätte machen können, würden ohnehin geprüft.
Besonders der Militärschützenverein entpuppte sich als Widerstandsnest, frei nach der Losung: Nur Subventionen, die ich erhalte, sind gute Subventionen. Mit Verweis auf die Militärgesetzgebung hatte sich dieser Verein nämlich kurz davor über hunderttausend Franken aus der Gemeindekasse ergattert für eine neue elektronische Trefferanzeige in ihrem Schützenhaus. Eine Schliessung des Schiessstandes wäre die Gemeinde teurer zu stehen gekommen, weil sie eine umfangreiche Altlastensanierung hätte berappen müssen.
Die Gemeindeschreiberin verkauft ihr Auto
Anonyme Zuschriften an die Lokalpresse und ein Brief eines Bürgers, der sich vom Gemeinderat falsch verstanden fühlte, an alle Haushalte verbesserten die Stimmung auch nicht. In den falschen Hals geriet zudem vielen, als die Gemeindeschreiberin vermeldete, sie habe ihr Auto verkauft – bei Bedarf nutze sie Mobility. Es gab eine Anfrage an einer Gemeindeversammlung zu den Nutzerzahlen, doch nach und nach schien das Thema ausgewalzt. Bis an der nächsten Budget-Gemeindeversammlung, die keine besonderen Traktanden aufwies, ungewöhnlich viele Stimmbürger erschienen. Ihre Absicht zeigte sich bald: Sie wollten den Budget-Posten Mobility-Auto versenken. Finanzrechtliche Einwände kümmerten sie wenig. Am Ende folgte ihnen eine Mehrheit. In der Folge rief der Gemeinderat den Bezirksrat an, der die Budgetkürzung wegen Ungesetzlichkeit kurzerhand wieder kassierte.
Der elektrische Stuhl
In coronabedingter Ermangelung eines Stammtischs machten die vermeintlichen Abstimmungsgewinner ihrem Ärger in Leserbriefen Luft und beklagten bitterlich die angebliche Missachtung ihrer demokratischen Rechte. Einer schlug im Furor gar den rhetorischen Bogen vom elektrischen Auto zum elektrischen Stuhl. Den Rest können wir uns denken. In empfindsameren Zivilisationskreisen hätte das dem Leserbriefschreiber einen gesalzenen Zivil- und Strafprozess eingebracht. Irgendwann hatte der Gemeinderat aber genug. Im letzten Mitteilungsblatt schrieb er lapidar: «E-Mobility: Der Gemeinderat hat den Vertrag vorzeitig auf September 2020 gekündigt».

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