Altersvorsorge-Reform?

Altersvorsorge-Reform?

Das Modell SAFE AAA kennt nur Gewinner

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von Reiner Eichenberger am 16.6.2021, 10:30 Uhr
Bild: Shutterstock
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Die Diskussion um die Reform der Altersvorsorge läuft schon wieder falsch und es droht ein weiterer Absturz. Wir müssen deshalb endlich das wahre Problem angehen. Das ist nicht die Stabilität der AHV und Pensionskassen, sondern die Stabilität der Gesellschaft. Die Alterung schenkt uns ein längeres Leben. In den gewonnenen Lebensjahren sind die allermeisten nicht krank und untätig, sondern gesund und konsumfreudig. Die Alterung ist also keine Last, sondern unser Glück. Doch gerade daraus erwächst das wahre Alterungs-Problem: Länger leben heisst mehr konsumieren, aber wegen des fixen Rentenalters nicht entsprechend mehr produzieren. Eine nachhaltige Reform der Altersvorsorge muss diese „Produktionslücke“ entschärfen. Das geht nur mit einer höheren durchschnittlichen Lebensarbeitszeit.
Die Finanzflüsse in der AHV und den Renten wirken wie ein Finanzschleier, der die Sicht auf die realen Probleme trübt. Deshalb suchen heute viele Politiker und Experten die Lösung in Zwang: Zwang zu höheren Beiträgen für Junge, und Zwang zu längerer Arbeit für Alte. Aber Zwang heisst immer, dass viele Menschen verlieren. Dabei ist heutige System so ineffizient, dass eine Reform ganz ohne Zwang möglich wäre. Die Ineffizienz ergibt sich aus den heutigen hohen Steuern und unsinnigen Renten-Flexibilisierungsmechanismen, die Altersarbeit unattraktiv machen. Ich vertrete deshalb eine Reform, die Altersarbeit attraktiv macht und so allen Bürgern nützt: SAFE AAA - die Sicherung der Altersvorsorge durch freiwillige Erwerbsarbeit im Alter dank Anreizen. Sie besteht aus drei Elementen:
1. Rentenaufschub mit Beitragsrabatt. Der heute gebräuchliche Mechanismus zur Flexibilisierung des Rentenalters erlaubt den Alten, den Rentenbezug zugunsten einer höheren späteren Rente aufzuschieben. Gewinn bringt ihnen dieser Deal aber erst, wenn sie 86 werden. Entsprechend wird das Angebot kaum genutzt. Rentenaufschub muss sofort belohnt werden, mit einem fairen Rabatt auf die Beiträge an die 1. und 2. Säule. Weil Rentenaufschub die Zahl der verbleibenden Beitragsjahre steigert und die Zahl der Rentenjahre senkt, können die Rabatte enorm attraktiv sein. So könnte man Arbeitnehmern, die sich mit 60 für Rente „erst“ ab 67 entscheiden, von 61 bis 67 die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge ganz erlassen.
2. Teilbesteuerung von Altersarbeit. Heute ist es für Rentner unattraktiv zu arbeiten, weil Arbeitseinkommen zur Rente hinzugezählt und so infolge Steuerprogression hoch besteuert wird. So zahlen Rentner auf Arbeitseinkommen schnell 35 bis 50 Prozent Steuern und Abgaben. Deshalb müssen die Steuern und Abgaben auf Einkommen aus Arbeit über einem gewissen Alter, z.B. 67, stark gesenkt werden. Das gäbe den Rentnern wirksame Anreize weiterzuarbeiten.
3. Steuermehreinnahmen für Altersvorsorge. Unter den vorgeschlagenen Bedingungen würden viele ältere Personen freiwillig wesentlich mehr als heute arbeiten, und so insgesamt weit mehr Einkommens-, Vermögens- und Mehrwertsteuern als bisher bezahlen. Diese Mehreinnahmen sollten nicht in die allgemeine Staatskasse, sondern gezielt in die Altersvorsorge fliessen. So würde SAFE AAA dann allen nützen – auch den Jungen und den Alten, die nicht länger arbeiten können oder wollen.
Die regelmässig gegen Altersarbeit angeführten Argumente sind hinfällig. Jobs gibt es für die meisten Alten genug. Das Hauptproblem der Überalterung ist ja gerade, dass sie Arbeitskräftemangel bringt, weil der Konsum schneller wächst als die Produktion. Zudem sind die heutigen Probleme der Älteren auf dem Arbeitsmarkt weniger Folge ihres biologischen Alters als ihrer kurzen Restlaufzeit bis zur Pensionierung. Je näher die sichere Pensionierung von Arbeitnehmern rückt, desto weniger lohnt es sich für ihre Arbeitgeber, ihre Arbeitskollegen und sie selbst in ihre Produktivität zu investieren. Mit der Erhöhung der erwarteten Verweildauer im Arbeitsmarkt wachsen deshalb die Produktivität der älteren Arbeitnehmer und ihre Attraktivität für die Arbeitgeber.
Schliesslich gäbe unser Modell den Arbeitgebern Anreize, neue Konzepte für altersgerechte Jobs zu entwickeln, etwa mit leicht gesenkten Arbeitszeiten und mehr Zeitautonomie bei etwas tieferen Löhnen. So wären die Alten für die Arbeitgeber noch lange über ihr Rentenalter hinaus attraktiv, obwohl sie dank dem neuen Steuermodell netto mehr verdienen würden als vor 65 und mehr Steuern zahlen würden als bisher. Und wichtig: Für die wenigen, für die das alles nicht zutrifft, bietet SAFE AAA keinerlei Nachteile. Sie können wie bisher in Rente gehen, aber in eine sichere Rente.
Bleibt eine Frage: Weshalb wurde SAFE AAA in der Politik noch nicht aufgenommen? Ich wage folgende Thesen: Manche Politiker wollen das Problem Altersvorsorge gar nicht lösen. Sie leben von der Problembewirtschaftung und den so generierbaren Erträgen. Für andere ist die vernünftige Problemlösung ein absolutes Schreckgespenst. Denn sie baut auf zwei Grundannahmen auf: (i) Viele Menschen arbeiten eigentlich gerne, und man muss sie nicht vor der Arbeit schützen. (ii) Die heutigen hohen Steuern sind ein zentrales Problem. Die Anerkennung von (i) und (ii) passt nicht zum Business-Modell mancher Politiker und Parteien. Trotzdem bin ich zuversichtlich. Ohne Rahmenabkommen und der anstehenden Zeitwende in FDP und SVP sind die Chancen für SAFE AAA besser denn je.
Ah, und was soll mit dem Rentenalter der Frauen geschehen? Ich vertrete eine Erhöhung auf 65, aber mit dem SAFE AAA Gedanke. Während einer Übergangszeit von 10 Jahren sollte ihr Arbeitseinkommen in dem zusätzlichen Jahr aber nur zur Hälfte besteuert werden. Wetten, dass SAFE AAA so mehrheitsfähig ist?

Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Fribourg und Forschungsdirektor von CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts.

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