Was Corona mit unserer Psyche macht

Was Corona mit unserer Psyche macht

Wegen Corona aber vor allem wegen den Massnahmen gegen Corona steigen die psychischen Probleme der Bevölkerung. Die Leidtragenden sind hauptsächlich die Jugendlichen.

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von Stefan Bill am 7.4.2021, 09:00 Uhr
Die Psychische Belastung nimmt besonders bei den Jugendlichen stark zu. (Bild: Shutterstock)
Die Psychische Belastung nimmt besonders bei den Jugendlichen stark zu. (Bild: Shutterstock)
Die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche der Bevölkerung sind mittlerweile deutlich spürbar. In einer Umfrage der psychologischen Berufsverbände FSP, ASP und SBAP haben fast 90 Prozent der 1’700 befragten Psychotherapeuten angegeben, dass sich die Symptome von Patienten während der Pandemie verschlimmert haben oder aufgrund der Belastungssituation neue Probleme und Symptome entstanden sind. 22 Prozent berichten von einer gestiegenen Suizidalität.
«Psychische Gesundheit ist der Grundstein zu unserer Gesundheit überhaupt,» schreibt das BAG auf seiner Website und fasste in einem 91-seitigen Bericht den Einfluss der Pandemie auf die psychische Gesundheit zusammen. Bereits in der Zusammenfassung ist jedoch zu lesen: «Aufgrund des engen Zeithorizonts und methodischer Limitationen gehen aus dem Forschungsstand noch wenig empirisch gesicherte Fakten zum Ausmass der psychischen Folgen in der Gesamtbevölkerung hervor.» Der Bericht wurde im November des letzten Jahres veröffentlicht, also mitten in der zweiten Welle.

Die Folgen der zweiten Welle

Diese zweite Welle hat die psychischen Probleme der Bevölkerung allerdings noch einmal deutlich verstärkt. Das schreibt zumindest die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP). Die Anfragen für eine Behandlung hätten deutlich zugenommen. Bereits zwei Drittel der befragten Psychotherapeuten müssten regelmässig psychisch kranke Menschen, die eine Behandlung suchen, abweisen – weil die Kapazitäten für eine Behandlung fehlen. Betroffene müssen daher bis zu sechs Monate auf einen Termin warten, selbst im ambulanten Bereich.
Dem entgegen hält die Psychiaterin Fulvia Rota, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychologie (SGPP). Solche Meldungen seien gefährlich. «Damit werden Ängste geschürt, in schwierigen Situationen keine psychiatrische oder psychologische Hilfe zu erhalten. Wie unsere Erfahrungen im Lockdown gezeigt haben, melden sich in der Folge potenzielle und ehemalige Patientinnen und Patienten nicht, weil sie denken, wir seien überlastet, oder andere hätten die Hilfe nötiger», sagt sie. Die psychiatrische Versorgung sei auch in diesen Pandemie-Zeiten jederzeit sichergestellt.

Jugendliche sind besonders gefährdet

Es bleibt zu hoffen, dass Rota Recht behält. Denn in einer Umfrage der Universität Basel, gaben während des ersten Lockdowns im April neun Prozent der über 11’000 Befragten aus der ganzen Schweiz an, unter schweren depressiven Symptomen zu leiden. Diese Zahl stieg im vergangenen November auf 18 Prozent an. Zum Vergleich: Vor der Pandemie waren es nur drei Prozent. Also sechs Mal weniger.
Die SGPP warnt jedoch auch hier. Deren Vize-Präsident, Rafael Traber sagt: «Diese Studie hat nur geringe Aussagekraft, da sich ihre Ergebnisse auf eine kurze Online-Selbsteinschätzung einer absolut nicht repräsentativen Bevölkerungsgruppe beziehen. Wenn nun der Eindruck erweckt wird, die Pandemie habe bei so vielen Menschen schwere Depressionen zur Folge, ist das kontraproduktiv.»
Und trotzdem: Zumindest bei der Antwort auf die Frage, wer am meisten von den psychischen Problemen betroffen ist, scheint die Studie Recht zu behalten. Mit sechs Prozent sind die über 65-Jährigen am wenigsten von schweren depressiven Symptomen betroffen. Bei den 14-24 Jährigen gab im Vergleich fast jeder Dritte an, an solchen Symptomen zu leiden.
Bei den 35–44-Jährigen sind es noch 17 Prozent, bei den 45–54-Jährigen 14 Prozent und bei den 55–64-Jährigen 13 Prozent. Kurz zusammengefasst: Je jünger, desto grösser die Probleme.

50 Prozent mehr Fälle in zwölf Monaten

Die Tendenz, welche die Studie aufzeigt, wird von der Stiftung Pro Juventute bestätigt. Diese gab vor kurzem an, dass seit dem Ausbruch der Pandemie 21 Prozent mehr Kinder und Jugendliche sich wegen «psychischer Erkrankungen» an die Beratungsstelle 147.ch wandten. Während der zweiten Welle von Oktober bis Dezember des letzten Jahres waren es gar 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Die gleiche Beobachtung macht man auch bei der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). So sagt Marc Stutz, Leiter Kommunikation der PUK: «Im Kinder- und Jugendbereich herrscht zur Zeit wirklich ein Problem, zum Teil auch Wartezeiten - natürlich aber nicht in Notfällen». Die Zahlen bei Kindern und Jugendlichen würden zwar bereits seit Jahren steigen, doch in den letzten zwölf Monaten verzeichnete man bei der PUK eine Zunahme von über 50 Prozent in diesem Bereich.
Am meisten unter den getroffenen Massnahmen zur Eindämmung des Virus leidet also die Altersgruppe, welche von den Symptomen von Covid-19 am wenigsten betroffen ist. Vor allem die sozialen Einschränkungen machen Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Denn der Austausch mit Gleichaltrigen ist für Kinder und Jugendliche fundamental für die persönliche Entwicklung. «Im Austausch mit anderen definieren sie ihre Identität.» schreibt Pro Juventute.
So gesehen steht es um den «Grundstein der Gesundheit» ausgerechnet bei jenen nicht gut, die die Zukunft unserer Gesellschaft darstellen.

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