Agrarinitiativen: Der Bauernverband zeigt, wie man mobilisiert

Agrarinitiativen: Der Bauernverband zeigt, wie man mobilisiert

Die Angstkampagne der Befürworter der Trinkwasser- und der Pestizidinitiative hat nicht verfangen. Vor allem die Landbevölkerung ist in Massen an die Urne geströmt und hat die beiden Anliegen versenkt. Die vernünftigen politischen Kräfte im Land sollten sich diesen Erfolg hinter die Ohren schreiben.

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von Alex Reichmuth am 13.6.2021, 14:47 Uhr
Landwirtschaft auf der Siegerstrasse. Bild: Shutterstock
Landwirtschaft auf der Siegerstrasse. Bild: Shutterstock
Am Ende war es eine klare Sache. Gingen die ersten Umfragen in den letzten Wochen noch von einem Ja-Trend zu den beiden Agrarinitiativen aus, wurde das ablehnende Lager mit fortschreitendem Abstimmungskampf immer stärker. So resultiert nun zweimal ein klares Nein im Verhältnis 61 Prozent zu 39 Prozent. Bei Initiativen läuft es meistens so – insbesondere bei solchen aus dem linken Lager: Die Bevölkerung reagiert zuerst mit Wohlwollen gegenüber einem meist sympathisch tönenden Anliegen. Im Verlauf der Debatte werden aber die negativen Folgen bei einem Ja immer deutlicher, und die Skepsis steigt.
Die Initianten der Trinkwasser- und der Pestizidinitaitive hatten in diesem Fall mit einer Angstkampagne versucht, das Stimmvolk auf ihre Seite zu ziehen. Sie wollten der Bevölkerung weismachen, unser Trinkwasser und unsere Nahrungsmittel seien vergiftet, weil die Bauern rücksichtslos Pflanzenschutzmittel einsetzen würden. Im Abstimmungskampf wurde ein Baby gezeigt, das angeblich schwer mit Pestizidrückständen belastet ist – Emotionen pur.

Immer ungiftigere Pestizide

Die Behauptungen waren klar falsch. Unser Trinkwasser ist das sauberste der Welt. Unsere Nahrungsmittel sind so sicher wie nie zuvor. In der Landwirtschaft kommen immer weniger Pestizide zum Einsatz. Und die, die verwendet werden, sind je länger je weniger giftig. Generell ist die akute Toxizität von Pflanzenschutzmitteln seit den 1960er-Jahren um 40 Prozent zurückgegangen. Und es werden kaum noch Mittel der obersten Giftigkeitsklasse verwendet. Wie sich nun zeigte, verfing die Angstmacherei beim Stimmvolk nicht.
Angst war dennoch die Folge dieses Abstimmungskampfs – nicht so sehr die vor Pestiziden, sondern vielmehr die vor den Auswirkungen bei einem Ja. Viele Bäuerinnen und Bauern hatten Existenzängste. Sie stellten sich die Frage, woher sie künftig das Futtermittel für ihre Tiere herbekommen sollten, wenn deren Zukauf verboten wird. Sie fragten sich, wie sie ihre Obst- und Gemüsekulturen schützen können, wenn weder Insektizide noch Fungizide mehr zugelassen sind. Sie zerbrachen sich den Kopf, wie sie künftig noch vernünftig produzieren sollten.

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Markus Ritter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbands. Bild: Mediathek VBS

Der Bauernverband erkannte die wirtschaftliche Toxizität der beiden Initiativen frühzeitig – und machte mobil. Mit Erfolg: Grosse Teile der Landbevölkerung waren heute auf den Beinen, um dem Bauernstand an der Urne unter die Arme zu greifen. Die Solidarität spielte. Die Befürworter ahnten, was ihnen blühte, und jammerten, sie würden von der «Agrarlobby» überfahren – so, als ob düstere Mächte aus Politik und Wirtschaft im Hintergrund die Fäden zögen. Doch die Bauern siegten. Und Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands, der in unzähligen Interviews und Debatten gegen die beiden Initiativen gekämpft hat, ist der eigentliche Abstimmungssieger.

Stimmbeteiligung 59 Prozent

Insgesamt gingen 59 Prozent der Stimmberechtigen an die Urne, so viele wie nur selten zuvor. Die Mobilisierung bei den Agrarinitiativen war so stark, dass gleich auch beim CO2-Gesetz ein knappes Nein resultierte. Dieses Gesetz hatte bei der Landbevölkerung ebenfalls einen schweren Stand. Dass die Landbevölkerung bei den Agrarinitiativen die Oberhand behielt, ist bemerkenswert. Hat sie doch in letzter Zeit wichtige Abstimmungen verloren: etwa die zur Zweitwohnungsinitiative oder zuletzt die über das neue Jagdgesetz.
Das Abstimmungsresultat zeigt, dass die vernünftigen Kräfte in diesem Land die Oberhand behalten und extreme Forderungen bodigen können. Es gibt genügend Frauen und Männer, die in der Lage sind, eine nüchterne Abschätzung zu einer Vorlage vorzunehmen und sich nicht von Angstmacherei einlullen zu lassen. Diese vernünftigen Kräfte sollten sich den heutigen Erfolg hinter die Ohren schreiben – und voller Zuversicht in künftige Abstimmungsschlachten steigen.

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