Agrar-Initiativen: Darf’s ein bisschen teurer sein?

Agrar-Initiativen: Darf’s ein bisschen teurer sein?

Die Agrar-Initianten glauben, die Leute würden gern noch mehr für ökologisches Essen ausgeben. Sie könnten sich täuschen.

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von Martin A. Senn am 13.5.2021, 19:22 Uhr
Wie viel mehr zahlen die Kundinnen für noch mehr Ökologie? Landwirtschaftsmarkt in Luzern. (shutterstock)
Wie viel mehr zahlen die Kundinnen für noch mehr Ökologie? Landwirtschaftsmarkt in Luzern. (shutterstock)
Würde die Annahme der zwei Agrarinitiativen am 13. Juni die einheimischen Landwirtschaftsprodukte verteuern? Die Initianten bestreiten es, machen gleichzeitig aber geltend, dass Nicht-Bio-Produkte ohnehin zu billig seien. Mit anderen Worten: Sie wissen sehr wohl, dass ihre Initiativen die Agrarerzeugnisse verteuern werden, doch sind sie überzeugt, dass die Konsumentinnen und Konsumenten für eine noch strenger ökologische Landwirtschaft gern mehr bezahlen werden.
Das dürfte eine allzu blauäugige Annahme sein. Über alles gesehen finden die Schweizerinnen und Schweizer die Preise für konventionelle Landwirtschaftsprodukte nämlich schon lange eher etwas zu hoch als zu tief, wie das neuste Markt- und Konsumentenbarometer der Agro Marketing Suisse zeigt. Der Anteil der Befragten, die die Preise als klar zu tief bezeichnen, ist gering und nur minim höher als der Anteil jener, die sie als klar zu hoch bezeichnen. Insgesamt geben vier Fünftel der 1’800 Befragten indes an, sie seien bereit für Schweizer Produkte einen Aufpreis zu bezahlen. Das ist beachtlich, kosten doch die Landwirtschaftsprodukte in Österreich, Frankreich und Deutschland nur ungefähr halb so viel wie hierzulande.

«Relativ teuer»

Aber aufgepasst: Fragt man nicht ausdrücklich nach der Landwirtschaft, wird der Preis der Nahrungsmittel sehr rasch zum zentralen Kriterium. Das zeigt die Gesundheitsumfrage des Bundesamts für Statistik. Auf die Frage, weshalb sie nicht gesünder essen, antworten die Befragten am häufigsten: «Weil gesundes Essen relativ teuer ist». Seit 1992 führt diese Aussage mit rund 43% der Nennungen die Liste der häufigsten Antworten an. Eine Trendwende zu einem vermehrt auf Qualität statt Preis ausgerichteten Einkaufsverhalten lässt sich aufgrund der alle fünf Jahre durchgeführten Gesundheitsumfrage nicht erkennen.
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Als tendenziell zu teuer schätzen die Konsumenten die Nicht-Bio-Produkte ein. (Agrar Marketing Schweiz)
Auffällig ist, dass Frauen deutlich preissensibler sind. Während «nur» 38% der Männer den Preis als Haupthindernis für gesünderes Essen nennen, sind es bei den Frauen über 46%. Das widerspricht der gängigen Annahme, Frauen sorgten sich mehr um die «weichen» Kriterien wie Gesundheit und Umwelt. Doch auch hier gilt: Fragt man ausdrücklich nach der Landwirtschaft an sich, stellen die Frauen die Aspekte Qualität und Ökologie stärker in den Vordergrund. Die Abstimmungsumfragen zur Trinkwasserinitiative zeigen bei den Frauen bisher denn auch eine leicht höhere Zustimmung als bei den Männern.

Moral und Portemonnaie

Gern verweisen die Befürworter der Agrarinitiativen darauf, dass der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel an den Gesamtausgaben eines Haushalts seit Jahrzehnten stark rückläufig ist. Tatsächlich hat dieser Anteil in den letzten hundert Jahren von 40 Prozent auf sechs Prozent abgenommen. Doch die Leute kaufen ihre Nahrungsmittel eben nicht im Verhältnis zu ihren Gesamtausgaben ein, sondern im Vergleich mit den übrigen Angeboten. Und da sind Bioprodukte immer noch massiv teurer als konventionelle. Der Nahrungskorb einer vierköpfigen Familie verteuert sich mit Bioprodukten von 121 auf 184 Franken monatlich, was einen Bio-Aufschlag von 52 Prozent ausmacht, wie das Bundesamt für Landwirtschaft errechnet hat.

Importware vom Discounter

Mit zehn Prozent deckt sich der Bio-Anteil derzeit ungefähr mit dem Anteil der Befragten, die angeben, die Schweizer Landwirtschaftsprodukte seien klar oder eher zu billig. Doch nicht überall sitzt das Portemonnaie so locker. Für manche Familien mit tiefen Einkommen machen 60 Franken pro Monat mehr oder weniger fürs Essen sehr wohl einen Unterschied. Sie müssten sich bei der Annahme der Initiativen künftig wohl noch vermehrt beim Discounter
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