Achtung! «Smartphone-Zombies»

Achtung! «Smartphone-Zombies»

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von Martin A. Senn am 6.4.2021, 13:00 Uhr
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Japanische Forscher untersuchen, wie einige wenige «Smartphone-Zombies» ein Fussgänger-Chaos verursachen können.

Sie erinnern sich sicher noch an die Zeiten vor Corona, als Sie nach Feierabend vom Büro zur S-Bahn hetzten, um gerade noch den nächsten Zug zu erwischen. Sie waren, wie immer, sehr knapp dran. Doch dann, Knall auf Fall, steht einer dieser Schlafwandler vor Ihnen, tief versunken in sein Handy, keinen Blick für etwas anderes. Sie weichen nach links aus, er im allerletzten Moment auch, Sie wechseln auf die andere Seite, doch dort kommt schon der nächste. Ein paar Flüche, Ärger, und Sie sehen Ihren Zug nur noch von hinten.
Im Strassenverkehr haben diese «Smartphone-Zombies», kurz «Smombies», bei den Unfallexperten längst einen gefestigten Ruf als ernsthafter Risikofaktor. Kaum thematisiert wird dagegen, wie lästig sie den übrigen Fussgängern werden können. Schon einige wenige, die im feierabendlichen Fussgängerverkehr ihre Accounts checken und Messages tippen, können ein regelrechtes Chaos verursachen. Forscher der Universität Tokio haben das Phänomen nun sogar wissenschaftlich untersucht.

«Smombies» und Fussgänger

Die Versuchsanordnung entsprach ungefähr der Perron-Unterführung eines Bahnhofs. Die Forscher liessen darin Gruppen von je 27 Studierenden als Versuchspersonen frontal aufeinander zulaufen. Die eine Gruppe trug rote Mützen, die andere gelbe, sodass sich der Personenfluss mit Kameras von oben aufnehmen und vermessen liess. Untersucht wurden drei verschiedene Szenarien mit zunehmender Ablenkung einzelner Probanden durch die Benutzung von Handys.
Erstaunlich war zunächst, wie sich die Gruppen spontan selbst organisierten - allerdings nur solange kein Mitglied durch ein Handy abgelenkt war. Automatisch formierten sich die Gruppen so, dass sie friktionsfrei am Gegenverkehr vorbeikamen. Das Prinzip dieser Selbstorganisation war einfach: Sobald die eine Gruppe auf die Gegengruppe traf, folgte jedes Mitglied einem direkt vor ihm laufenden. In jeder Richtung bildeten sich, angepasst an die Breite der Passage, drei Einerkolonnen, die sich gegenseitig verschränkt kreuzten, fast so reibungslos wie Pferdeformationen in der Wiener Hofreitschule.
Doch dann kamen die «Smombies» ins Spiel. Drei der 27 Gruppenmitglieder mussten während des Versuchs auf einem Smartphone verschiedene Aufgaben lösen und eintippen. Sie waren mithin von ihrer eigentlichen Aufgabe, zielgerichtet im Fussgängerverkehr voranzukommen, stark abgelenkt. Stärker jedenfalls, als es sich die Smartphone-Natives wohl selbst bewusst waren.
Immerhin: Solange die drei Smartphone-Freaks im hintersten Teil ihrer Gruppe mitliefen, kam es zu keinen grösseren Verwerfungen. Offenbar war ihre Ablenkung durch das Smartphone nicht so gross, dass sie nicht der Person vor ihnen folgen konnten. Mal abgesehen davon, dass Menschen offenbar nicht besonders gut darin sind, wirklich geradeaus zu gehen, wie der Versuch ebenfalls zeigte. So oder so kamen die Gruppen einigermassen reibungslos aneinander vorbei.

Chaos-Szenario

Liefen die drei «Smartphone-Zombies» jedoch vorne in den Gruppen, kam es zum Chaos. Als Fussgänger, deren Aufmerksamkeit durch ein Smartphone abgelenkt war, trafen sie frontal auf drei ebenso unaufmerksame Passanten. Den «Gegenverkehr» bemerkten sie erst im allerletzten Moment. Ohne dass sie die Ausweichbewegung der Entgegenkommenden antizipieren konnten, wichen sie, als es eigentlich schon fast zu spät war, abrupt aus. Dabei stiessen sie entweder auf einen entgegenkommenden Probanden, der ebenfalls auswich, oder auf einen andern, der nicht auswich. Es kam zu einer Kettenreaktion von brüsken Ausweichmanövern und Zusammenstössen, die in Sekundenschnelle zum Chaos führte.
Und das, wohlverstanden, mit nur gerade drei «Smartphone-Zombies» auf 27 Fussgänger. Und obendrein japanische Fussgänger, die für ihre vergleichsweise grosse Disziplin bekannt sind. Für die Schweiz müsste man zusätzlich wohl noch mindestens eine Person in die Versuchsanordnung einbauen, die ein Velo mitschiebt, und einen Jugendlichen auf einem Skateboard. Und vor allem müsste der Anteil der «Smartphone-Zombies» höher sein. Gemäss einer BfU-Umfrage schreiben oder lesen nämlich über 40% der Schweizerinnen und Schweizer oft oder gelegentlich auf dem Smartphone, wenn sie zu Fuss unterwegs sind. Von den 15–29-jährigen geben nur gerade sechs Prozent an, dass sie das überhaupt nie tun. Über 70% der jüngeren Leute tippen und lesen beim Gehen hingegen oft oder gelegentlich auf ihren Smartphones.
Und dann käme natürlich der Aspekt der Kopfhörer-Zombies dazu; aber den heben wir uns für ein nächstes Mal auf.
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