Ach du heiliger Bimbam!

Ach du heiliger Bimbam!

Warum die Kirche nicht nur ihre Identität, sondern auch mich als Mitglied zu verlieren droht.

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von Evelyn Motschi am 25.5.2021, 13:00 Uhr
Die Kirchen haben sich wieder politisch betätigt, diesmal beim Klimastreik. (Bild Grossmünster in Zürich, Quelle: Photiones, CC-Lizenz 4.0)
Die Kirchen haben sich wieder politisch betätigt, diesmal beim Klimastreik. (Bild Grossmünster in Zürich, Quelle: Photiones, CC-Lizenz 4.0)
Freitagmittag in Zürich, 11:59 Uhr. Nach einem hektischen Morgen habe ich bloss ein Ziel: meinen Magen schnellstmöglich mit Nahrung zu versorgen.
Doch die Mission gestaltet sich schwieriger als gedacht. Um mich herum wimmelt es an Klima-Aktivisten – die Strasse ist praktisch blockiert. Als ob dies nicht schon schlimm genug wäre, muss ich zu allem Erstaunen feststellen, wie die Kirchenglocken den Startschuss der Demonstration einläuten. Prompt fängt die bunte Masse an, sich im Rhythmus der Glockenschläge in Bewegung zu setzen. Geschrei und Geschelle vermengen sich. Zumindest die Engel scheinen mein Entsetzen zu teilen. Sie reagieren weinend auf das Kirchengeläute, sodass die Menschenmasse - auf der Suche nach ihren Regenschirmen - ins Stocken gerät. Und ich? Ich mache mich mit leerem Magen, aber voller Wut auf den Rückweg.

Zeit des Ablasshandels

Spulen wir die Zeit zurück. Es ist Herbst 2020. Über 650 Kirchgemeinden und Pfarreien mischen sich vehement in den Abstimmungskampf für die Konzernverantwortungsinitiative ein. Predigen mutieren zu politischen Reden, Bibelpassagen werden für die Kampagne zurechtgeschnitten, Kirchenfenster mit orangefarbigen Fahnen zugekleistert. Anstatt der gewöhnlichen Broschüren mit Bibelversen werden einem Abstimmungsflyer in die Hand gedrückt.

 

«Entweder man stimmt am 29. November «Ja» zur Konzernverantwortungsinitiative oder man landet in der Hölle.»


Es erinnert an die Zeit des Ablasshandels. Entweder man stimmt am 29. November «Ja» zur Konzernverantwortungsinitiative oder man landet in der Hölle. Doch nicht alle unterziehen sich der Gehirnwäsche. Viele Stimmen aus der Bevölkerung äussern sich kritisch zum politischen Handeln der Kirche. In vier Kantonen wird seitens der Jungfreisinnigen Stimmrechtsbeschwerde erhoben. Man landet vor Bundesgericht. Trotz Abweisung der Beschwerde ist klar - die Kirchen bewegen sich mit ihrem Handeln auf dünnem Eis.

Ignoranz der Kirchen

Es ist Art. 34 Abs. 2 BV, der die öffentlich-rechtlichen Kirchen an die grundrechtlich geschützte Abstimmungsfreiheit bindet. Kirchen sind zur politischen Neutralität verpflichtet, so wie es die staatlichen Medien ebenfalls sind (beziehungsweise wären). Dass die Kirche die Klimabewegung wortwörtlich an die grosse Glocke hängt, stellt nicht bloss eine Ignoranz gegenüber der Rechtsstaatlichkeit, sondern besonders gegenüber den Steuerzahlern dar. Denn es sind Private und Unternehmen, die für das politische Treiben der Kirche aufkommen müssen.
Auch ich – als treuer Zahler der Kirchensteuer – finde es inakzeptabel, dass mein Geld für solche Aktionen ausgegeben wird. Die Kirche hat sich, wie jede andere öffentlich-rechtliche Körperschaft, an die Bundesverfassung zu halten und ihre Einnahmen aus den Steuergeldern zweckgebunden einzusetzen.
Ohne weiter gross ausholen zu müssen, ist eines auf sicher: Bis auf den gleichen Anfangsbuchstaben hat die Kirche weder mit der Klimapolitik noch mit der Konzernverantwortungsiniative etwas zu tun. Lässt die Kirche ihre Finger trotz Mahnung nicht aus dem Spiel, hat sie mich als Mitglied verloren. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
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