Ach, wie schön war das Gemeindeleben früher. Oder: Als man noch höflich war…

Ach, wie schön war das Gemeindeleben früher. Oder: Als man noch höflich war…

Ansgar Gmür, Ökonom und Theologe, erinnert sich an wohltuend unkomplizierte Zeiten in seinem Dorf.

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von Ansgar Gmür am 15.7.2021, 07:00 Uhr
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Früher war alles anders – und scheinbar besser? Zumindest hatte man in unserem 900-Seelen-Bergdorf noch Respekt vor der Obrigkeit. So sagte man nicht einfach: «Grüezi, Herr Gmür» zum Gemeindepräsidenten, sondern anständig: «Grüezi, Herr Gemeindeammann.»
Und selbstverständlich nannte man seine Gattin Frau Gemeindeammann! Da gab es den Herrn Kantonsrat und die Frau Kantonsrätin. In der Tat, eine heile Welt, wenn auch schon damals nicht immer alles mit rechten Dingen zu und herging. So war der Onkel meines Vaters «Ammä» im Dorf. So wurde der Gemeindeammann genannt. Als mein Vater als junger Mann mit seinem Cousin um Mitternacht im Winter aus Jux einen Baumstamm über die Hauptstrasse legte, passierte es. Just ein Herr Gemeinderat war nach der Polizeistunde auf dem Heimweg, und da keine Laternen brannten stolperte er arg über diesen Baumstamm. Das gab ein Hallo!
Der gesamte Gemeinderat tagte und man forderte die hinterlistigen Lausbuben auf, sich bei der Gemeinderatskanzlei zu melden. Da damals noch Zucht und Ordnung herrschten, meldeten sich mein Vater und sein Cousin. Bald wurde eine Gemeinderatssitzung einberufen. Die Leitung hatte der Gemeindeammann, obwohl beide Täter seine Neffen waren. In den Ausstand trat der nicht. Im Gegenteil. Als die beiden jungen Männer vor dem Gemeinderat erschienen, liess der Ammä lauthals verlauten, dass man solche Lausbubenstreiche hart bestrafen müsste. Hart! Und in der Tat wurden sie zu einer Busse von fünf Schweizer Franken verurteilt. Da wurde noch kein Gericht angerufen, der Gemeinderat war die abschliessende richterliche Behörde. Das waren Zeiten!
Mein Grossvater meinte zu dieser Geschichte: Einen solchen Blödsinn mache man einfach nicht. Und er half seinem Sohn nicht, die Busse zu begleichen. Er solle selber schauen, wie er zum Geld komme. Und Grossvater erklärte seinem Sohn, dass es nicht schade sei um den gestürzten und verletzten Gemeinderat, der sicher auch ohne Baumstamm aufgrund seines hohen Alkoholpegels umgefallen wäre.
So war es damals: Die Zeiten waren anders. Heutzutage müssen sich die Behördenmitglieder oftmals wüste Beschimpfungen gefallen lassen und können sich nicht wehren. Andernfalls schreiben die Medien, dass dieser Politiker, oder diese Politikerin zu Recht beschimpft werde, denn diese Person habe doch auch nicht rechtens gehandelt.
Es waren gute Zeiten damals, besser sind sie nicht geworden.
Den Herrn Kantonsrat als Anrede gibt es nicht mehr. Okay, manchmal hat man schon damals die Obrigkeit ausgehöhnt, wenn auch ganz unbewusst. Bei Besuchen von Bischöfen oder Bundesrat Furgler musste die Schuljugend immer singen – und immer, immer wurde etwa das Lied «Alle Vögel sind schon da» zum Besten gegegeben. Unbewusst, was man eigentlich sang – aber gesungen wurde: laut, falsch und von Herzen. Und alle freuten sich.

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