AAA-Festtage oder: Achtung Achtsamkeits-Alarm!

AAA-Festtage oder: Achtung Achtsamkeits-Alarm!

Ratgeber in den Medien überquellen derzeit von Tipps, wie wir die Festtage möglichst achtsam hinter uns bringen. Und nachhaltig dazu. Mein Tipp: verwenden Sie das Zeitungspapier achtsam. Das heisst: ohne die ungefragten Ratschläge zu lesen.

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von Gottlieb F. Höpli am 3.12.2021, 11:00 Uhr
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Jahrein, jahraus werden wir von den unzähligen Gutmenschen auf den Redaktionen angehalten, wie wir achtsam und nachhaltig zu leben haben: Bewusst ein- und ausatmen, nach innen zu horchen, wenig oder gar kein Fleisch zu essen, mal einen Baum zu umarmen, Jute statt Plastik etc. – meine Kolumne wäre schon voll, wenn ich all die gutgemeinten Tipps hier auflisten würde. Die Sie, ehrlich gesagt, ja alle auch schon auswendig kennen. Und auf die Sie im Normalfall reagieren wie die Appenzeller auf Impftipps: Ablehnend. Gad z’leid.
Doch die ungefragte Ratgebermanie lässt sich noch toppen. Die Festtage, an denen man sich und den Seinen etwas gönnt, was man durchs Jahr aus schlechtem Gewissen schon gar nicht mehr tut, eignen sich anscheinend doppelt so gut, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit zu predigen. Weil sich bei jedem Kerzli, jedem Stück Geschenkpapier, jedem Stück Fleisch auf dem Teller doch hoffentlich das schlechte Gewissen regt.
Das beginnt schon vor Weihnachten mit einem «Achtsamkeits-Adventskalender», der statt Süssigkeiten – pfui – «Übungen, Impulse, Denkanstösse» vermittelt, um mit uns selber, unserer Umgebung und eigentlich mit der ganzen Welt achtsam umzugehen. Beginnend mit dem «achtsamen Duschen» (Tropfen zählen?) und dem «achtsamen Gang zur Kaffeemaschine» (Schritte zählen?). Mehr sei noch nicht verraten – der Advent ist ja noch lang.
Und dann, dann kommt Weihnachten selbst. Da lauern die Unachtsamkeits-Fallen wie ein Rudel Wölfe am Beverin. Was man da alles falsch machen kann – ein Riesenstress! Das beginnt mit dem Fehler, wie immer ein Tannenbäumchen kaufen zu wollen. Was für ein Verbrechen am Wald, an der Natur, am Weltengefüge! Nun gut, dem urbanen Ratgeber wäre vielleicht entgegenzuhalten, dass die Waldfläche in der Schweiz seit einiger Zeit zunimmt. Und das nicht zu knapp: Zurzeit jährlich um die Fläche des Thunersees. Und auch an einem Redaktionspult müsste einleuchten, dass ein wachsender Wald mit jungen Bäumen beginnt.
Vom Weihnachtsessen, von den Geschenken gar nicht zu reden! Da muss einem Medienkonsumenten ja fast schwindlig werden vor lauter Ratschlägen, was er zu tun und vor allem zu lassen hat. Aber nein: Auf die Festtage hin werden uns die durchs Jahr schon reichlich und ungefragt ausgegebenen Ratschläge noch einmal kräftig um die Ohren gehauen. Nie verspricht der Angriff aufs schlechte Gewissen erfolgversprechender als jetzt.
Das ist gleich doppelt falsch: Weihnachten ist das Fest der Freude, an dem der Mensch für einmal nicht Busse tun, sondern sich an der Welt und ihren Gaben erfreuen soll. Denn es ist nicht das Fest der Moral und des schlechten Gewissens, sondern im Gegenteil die Feier der Erlösung durch das Baby, das in Nazareth zur Welt gekommen ist. Dessen Name, umwelt- und klimabewussten Zeitgenossen sei es in Erinnerung gerufen, war NICHT Greta!
Jetzt aber genug gepredigt. Wer immer noch nicht genug hat, für den gibt es hier noch einen achtsamen Geschenktipp: Der spannende Krimi von Karsten Dusse heisst «Achtsam morden». Erhältlich in jeder Buchhandlung (auf keinen Fall, da zu wenig nachhaltig, bei Amazon!).

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