9/11: Amerika ist am besten, wenn es ihm am schlimmsten geht

9/11: Amerika ist am besten, wenn es ihm am schlimmsten geht

Was waren die Folgen: Endlose Kriege oder der Aufstieg Chinas? Anmerkungen zu einem traurigen Jubiläum.

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von Markus Somm am 11.9.2021, 03:50 Uhr
11. September 2001: Flug United Airlines 175 aus Boston kurz vor dem Aufprall im Südturm des World Trade Centers in New York.
11. September 2001: Flug United Airlines 175 aus Boston kurz vor dem Aufprall im Südturm des World Trade Centers in New York.
Um 8 Uhr 46, am 11. September 2001, stürzte ein Flugzeug in den North Tower des World Trade Centers in New York. Aus dem Gebäude drang dicker, schwarzer Rauch, die Menschen sahen hin, irgendwo hörte man die ersten Sirenen der Feuerwehr, und doch gingen die meisten New Yorker ihren Geschäften nach, nahmen die U-Bahn, sahen auf die Uhr, strebten ins Büro, als wäre es ein normaler Tag. 9 Uhr 03 flog eine zweite Maschine in den South Tower. Auf der Stelle war alles anders. In diesen 17 Minuten hatte sich die Welt verändert. 17 Minuten lang meinten die meisten noch, es handelte sich um einen gewöhnlichen Unfall, einen bizarren zwar, angesichts der Tatsache, dass ein besonders prächtiger, wolkenloser Tag heraufgezogen war, aber ein Unglück gleichwohl, wie es halt geschehen kann. 17 Minuten später, als so viele Menschen – bereits in aller Welt an den Fernsehern klebend – beobachteten, wie der South Power gerammt wurde, hatte sich jeder Zweifel in Rauch aufgelöst, im wörtlichen Sinn. Amerika war Opfer einer spektakulären Attacke geworden. Wie man bald erfuhr, hatten 19 Mitglieder der islamistischen Terrororganisation Al-Qaida vier Flugzeuge entführt, zwei hatten sie ins World Trade Center gesteuert, eines war ins Pentagon in Washington D.C. geflogen, das vierte war in Pennsylvania zu Boden gekommen. Es hatte sein Ziel, das Kapitol in der Hauptstadt, nicht erreicht, weil die Passagiere sich gewehrt hatten, und der Pilot, ein Terrorist, es vorzog, das Flugzeug abstürzen zu lassen. Insgesamt starben am 9. September 2001 rund 3000 Menschen.
Wenn es je einen Terroranschlag gegeben hat, der die ganze Welt erschütterte, dann 9/11. Über keinen wurde so viel geschrieben, über keinen drehte man so viele Filme, keinen können die Menschen, vor allem jene, die damals ihre Männer, Frauen oder Kinder verloren haben, je vergessen.
Zwanzig Jahre danach fragen wir uns dennoch: Was hat 9/11 bewirkt? Wie immer bei solch unfassbaren Ereignissen, deren Tragweite wir Zeitgenossen schon daran zu erkennen glauben, dass wir noch heute genau wissen, wo wir uns damals befunden haben, – wie immer sprach man zu jener Zeit von einer historischen Wende. Einer, die die Welt auf lange Sicht prägen würde. Doch trifft das zu?

Die wehrhafte Grossmacht

Gewiss, die Amerikaner und ihre Verbündeten von der Nato schlugen bald zurück – und zwanzig Jahre lang führten sie Krieg. Afghanistan wurde erobert, um den Mastermind des Terrors, Osama bin Laden, zu fassen oder allenfalls zu töten, was zunächst nicht gelang, – das gleiche Afghanistan, aus dem sich die westlichen Truppen erst in diesen Tagen wieder zurückgezogen haben. Kurz darauf kam der Irakkrieg, schon vorher hatte der War on Terror begonnen, die systematische, weltweite Überwachung und Verfolgung jedes mutmasslichen islamistischen Terroristen, – bei dem die Amerikaner indes ihre besten Werte verrieten, als sie zuliessen, nein, dafür sorgten, dass an geheimen Orten ausserhalb der USA in ihrem Auftrag gefoltert wurde. Eine Schande, wenn man bedenkt, dass die Amerikaner nicht einmal im Krieg gegen die Nazis, den grössten Verbrechern der Weltgeschichte, auf die Idee gekommen wären, die Folter einzusetzen, auch in Korea oder Vietnam taten sie das nicht. Wenn also die Mittel zum Teil abscheulich waren, steht dennoch fest, dass die Amerikaner – und der Westen insgesamt – Erfolg hatten.
Denn nie mehr, in den vergangenen zwanzig Jahren, kam es zu einem islamistischen Anschlag auf amerikanischen Boden und auch in Europa dürften zahlreiche Angriffe vereitelt worden sein, nicht alle, zugegebenermassen, aber wohl die meisten. Es trifft nicht zu, wie man derzeit in manchen linksliberalen, allzu selbstquälerischen Medien Amerikas lesen kann, dass die Anstrengungen der USA überhaupt nichts gebracht hätten. Sie waren teuer, es starben sehr viele Leute, aber der Terror ging zurück. Dass der Nahe Osten trotzdem kein demokratischer Garten Eden geworden ist: Niemand konnte das erwarten, der die Verhältnisse dort nur ein wenig kennt. Demokratie und Islam passen offenbar nach wie vor nicht zusammen. Das kann der Westen nicht umkehren, das müssten die Muslime selber in die Hand nehmen, wenn sie es denn wollten.

China als lachender Dritter

Trotzdem waren diese offensichtlichen Folgen von 9/11 – die Kriege, der War on Terror, die zum Teil fragwürdigen Strafverfolgungs– und Überwachungsmethoden – aus meiner Sicht nicht so zentral, wie dies manchem erscheinen mag. Hat sich die Welt seit 9/11 gewandelt? Bestimmt. Wenn ich aber die vergangenen zwanzig Jahre als Historiker überblicke, dann sind es nicht die Kriege, ist es nicht der Nahe Osten, ja nicht einmal der Islamismus, die unsere Welt verändert haben. Vielmehr sticht ein anderer scheinbar unzusammenhängender Zusammenhang ins Auge: Zur gleichen Zeit, da Amerika sich in endlose Kriege verstrickte, stieg China zur zweiten Supermacht auf. Kann das ein Zufall sein? Wohl kaum. Hat demnach die Obsession der Amerikaner mit ihrem Nation Building im Nahen Osten es den Chinesen erst ermöglicht, sich zum Rivalen aufzuschwingen?
Wirtschaftshistorisch betrachtet spricht wenig dafür. Wenn sich Chinas Aufstieg seit der Jahrhundertwende beschleunigt hat, dann vor allem dank seines Beitritts zur WTO, was noch Bill Clinton, der demokratische US-Präsident, vorangetrieben hatte – Jahre vor 9/11. Formell erfolgte der Beitritt allerdings am 11. Dezember 2001, ausgerechnet wenige Monate nach der Katastrophe von New York. Erst mit diesem Beitritt vermochte das Reich der Mitte in vollem Masse aus der Globalisierung Nutzen zu ziehen – was die Amerikaner dagegen in Afghanistan und im Irak an Menschenleben und Ressourcen opferten, hatte wenig Einfluss auf die Verfassung der chinesischen Wirtschaft. Zwar dürften diese Kriege Amerika am Ende mehrere Trillionen Dollar gekostet haben, doch was den Steuerzahler belastete und die Schulden des Landes in die Höhe trieb, hielt die amerikanische Industrie nicht davon ab, davon zu profitieren. Insbesondere die Rüstungsindustrie, aber auch viele andere Branchen, wie etwa Bauunternehmen, machten gute Geschäfte dank des Krieges gegen den Terror und dem Wiederaufbau im Irak, den die USA grosszügig finanzierten – nicht zu reden von all den Beratern, Experten, Hilfswerken, Journalisten, Völkerrechtlern und Söldnern, die ebenfalls davon lebten, dass Amerika sich dauernd im Krieg befand.
Wenn die amerikanische Wirtschaft etwas traf, dann die Finanzkrise: An deren Verheerungen laborierte sie ungleich länger und intensiver als am Krieg. Es bleibt leider wahr: Dass Kriege zwar stets ein Verlustgeschäft darstellen, doch wann die Rechnungen zu bezahlen sind, ist eine Frage der Politik. Amerika hat sich zweifellos verschuldet – spätere Generationen werden aber dafür geradezustehen haben.

Das polarisierte Land

Politisch sieht die Sache anders aus. Chinas Triumph hängt durchaus mit Amerikas Kriegen zusammen – aber auf eine vielleicht unerwartete Art und Weise. Es entbehrt nicht der Ironie: Während Amerika sich anschickte die Welt zu retten, kam ihm das eigene Land abhanden. Die Kriege stellten die Innenpolitik auf den Kopf. Beide Parteien waren davon betroffen. Demokraten wie Republikaner erhielten zum Beispiel Präsidenten, die sie gar nicht wollten. Ohne Krieg im Nahen Osten wäre weder Barack Obama noch Donald Trump je Präsidenten geworden. Weil aber die «endlosen Kriege» immer unpopulärer wurden, gewann in der Innenpolitik, wer sie ablehnte. Sowohl Obama wie auch Trump verdankten einen guten Teil ihres Wahlerfolges der Tatsache, dass sie sich noch in ihren Wahlkampagnen gegen die Kriege gewandt hatten. Gewiss, beide hielten nachher nicht Wort, und beide zogen sich den Zorn des Establishments zu. Doch das half ihnen. Als Aussenseiter gewählt, radikalisierten sie ihre Parteien: Obama, indem er die Demokraten vorab in seiner zweiten Amtszeit nach links drückte, besonders auch, indem er zuliess, dass sich eine Linke breitmachte, die gemessen an amerikanischen Massstäben so links war wie noch nie zuvor. Wenn Obama seine Partei verformte, dann sprengte Trump die Republikaner in die Luft. Er verpasste ihnen ein neues Profil, das erstens unumkehrbar scheint, und dessen Attraktivität beim Wähler zweitens offen ist. Das wird sich weisen.
Was aber feststeht: Die amerikanische Innenpolitik hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren gewandelt – zum Übleren. Selten schien das Land zerstrittener, selten wurde mit härteren Bandagen gekämpft. Ob Trump, ob Corona, ob Rückzug aus Afghanistan: Jedes Mal wirkt es, als ob das Land unmittelbar vor dem Bürgerkrieg stünde. Ein Land, das aufbrach, den Krieg gegen den Terror zu gewinnen, gewann diesen, aber verlor den Krieg im eigenen Land, den Krieg um die Frage, was Amerika sein soll. Inzwischen liegen die Vorstellungen darüber zwischen links und rechts so weit auseinander, dass manch ein Beobachter von zwei verschiedenen Ländern spricht.
China entging diese Selbstverstümmelung nicht. Man kann sich fragen, ob das immer selbstherrlichere Auftreten seines Präsidenten Xi Jinping nicht darauf zurückzuführen ist. Amerika wirkt erledigt und zerfahren, erscheint weltfremd, wenn nicht infantil, besonders wenn man an die Woke-Bewegung innerhalb der demokratischen Regierungspartei denkt, aber auch die Republikaner mit ihrem Hausgespenst Donald Trump, das nie Ruhe gibt, vermitteln keinen Eindruck der Stärke. Tritt Trump wieder an oder verabschiedet er sich ins Pfefferland? Die Republikaner wissen selbst nicht, wovor sie sich mehr fürchten sollten. Das Land liegt mit sich selbst im Krieg.
Zwanzig Jahre nach 9/11 – als die Einheit so gross war wie nie zuvor seit dem Sieg im Zweiten Weltkrieg – ist das ein bitterer Befund. Für die Amerikaner – aber auch für Leute wie mich selbst, die das Land lieben wie kaum ein anderes.
Lässt sich China durch den Unfrieden in Amerika verführen? Greift es nach Taiwan, wagt es einen Konflikt? Wir wissen es nicht. Was aber ausser Frage steht: Amerika hat sich in seiner Geschichte noch immer erholt. Wer es unterschätzt – wie die Deutschen im Ersten Weltkrieg, wie die Japaner und die Nazis im Zweiten, wie die Sowjets nach der Niederlage in Vietnam – geht selber unter. Amerika ist am besten, wenn es ihm am schlimmsten geht.

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