5'000 oder mehr als 50'000 massnahmenkritische Demonstranten in Bern? Die Mainstream-Medien können es nicht lassen und schreiben schon wieder fulminant an der Realität vorbei

5'000 oder mehr als 50'000 massnahmenkritische Demonstranten in Bern? Die Mainstream-Medien können es nicht lassen und schreiben schon wieder fulminant an der Realität vorbei

An einer der grössten politischen Kundgebungen der letzten Jahre haben in Bern nach Angaben der Veranstalter zwischen 50'000 und 100'000 Personen gegen das verschärfte Covid-Gesetz demonstriert. Die Mainstream-Medien schreiben den Prostest klein und reden von «mehreren Tausend». Ein Déjà-vu.

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von Philipp Gut am 23.10.2021, 17:09 Uhr
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Am Samstagnachmittag des 23. Oktobers 2021 haben in Bern mehrere Zehntausend Personen gegen die Coronamassnahmen des Bundesrats und gegen die Verschärfungen des Covid-Gesetzes demonstriert, über die wir am 28. November abstimmen. Die Veranstalter – massnahmenkritische Organisationen wie das Bündnis der Urkantone und die Freunde der Verfassung – schreiben von «mehr als 50'000» Teilnehmern. Andere Beteiligte schätzen die Zahl sogar auf 50'000 bis 100'000.

Das SRF sieht «mehrere tausend Personen»

Zweifellos handelt es sich um eine der grössten politischen Manifestationen der letzten Jahre in der Bundesstadt. Bilder und Videos zeigen, dass nicht nur der Bundesplatz randvoll von friedlichen Demonstranten ist. Eine Menschenmenge drängt sich überdies wie eine Riesenschlange durch die Berner Altstadtgassen und füllt gleichzeitig auch noch den Münsterplatz. Für alle Nichtberner: Vom Münster bis zum Bundeshaus sind es bei normalem Fussgängeraufkommen 7 Minuten. Die Strecke ist über einen halben Kilometer lang.


Von diesem Ausmass bekommt der gutgläubige Leser der Schweizer Mainstream-Medien allerdings nichts mit. «Tausende an Demo gegen Corona-Politik», titeln die Konzernmedien der Tages-Anzeiger-Gruppe auch noch nach Ende der Veranstaltung am späten Samstagnachmittag. «20 Minuten», das ebenfalls zur TX Group gehört, spricht von «mindestens 5000» Personen. Nicht anders das Schweizer Fernsehen und Radio (SRF). Unter der Überschrift «Tausende demonstrieren in Bern» schreibt die Zwangsgebührenanstalt: «Laut Augenzeugen sind mehrere tausend Personen vor Ort.»

Desinformation und Propaganda

Wie bitte?
Liebe Konzernmedien, liebes SRF: Über 50'000 Personen sind eine völlig andere Dimension als 5000. In der Primarschule würde man mit solchen Zahlenkenntnissen rauschend durchfallen.
Aber natürlich geht es hier nicht um Schätz- oder Rechenkünste, sondern um Politik und Propaganda. Gut einen Monat vor der Volkabstimmung über das verschärfte Covid-Gesetz bringen es die Mainstream-Massenmedien offensichtlich nicht fertig, ihren Leserinnen und Lesern eine objektive Schilderung der Ereignisse zu vermitteln. Das führt dann zu so absurden Sätzen wie dem folgenden, nachzulesen beim Schweizer Fernsehen und Radio: «Mehrere tausend Gegnerinnen und Gegner der Covid-Massnahmen haben sich in Bern zu einer nationalen Grosskundgebung versammelt.»
Ja, was denn nun, liebe SRF-Kollegen? Waren es bloss «mehrere tausend» Menschen, oder war es doch eine «nationale Grosskundgebung»? Und wenn es eine nationale Grosskundgebung war, warum schreibt ihr dann nicht wahrheitsgemäss von mehreren zehntausend, ja, über 50 000 Demonstranten?
Wer einmal mit der Unwahrheit anfängt, verheddert sich leicht darin.

Nichts gelernt

Die Angelegenheit ist für die tonangebenden Mainstream-Medien schon peinlich genug. Doch sie wird noch befremdlicher, weil es sich um ein Déjà-vu handelt. Dieselbe Desinformation betrieben die gleichen Medien schon nach der massnahmenkritischen Demonstration vom 8. September 2021 (Der «Nebelspalter» berichtete).
Gelernt haben sie also nichts. Man kann daher mit Fug und Recht von Wiederholungstätern reden, die mit Vorsatz handeln. Als Journalist bleibt einem da nur eines: sich fremd zu schämen für die Branchenkollegen, die mit solchen politisch motivierten Fehlleistungen die Glaubwürdigkeit der ganzen Zunft beschädigen.

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