«Zürich schaut hin»: Anonyme Denunziation für 135'000 Franken – ist das noch seriös?

«Zürich schaut hin»: Anonyme Denunziation für 135'000 Franken – ist das noch seriös?

Die Stadt Zürich setzt sich gegen Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit im öffentlichen Raum ein. Das ist lobenswert. Die Methoden allerdings werfen Fragen nach der Sinnhaftigkeit auf.

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von Sebastian Briellmann am 29.7.2021, 16:00 Uhr
Alle friedlich zusammen: So wünscht sich das die Stadt Zürich. Foto: Screenshot Stadt Zürich
Alle friedlich zusammen: So wünscht sich das die Stadt Zürich. Foto: Screenshot Stadt Zürich
Es klingt wie eine Selbstverständlichkeit: Der öffentliche Raum soll allen zur Verfügung stehen, «gleichermassen», aber in Zürich ist dies offenbar nicht der Fall. Das lässt das Addendum zur eigentlich banalen Feststellung vermuten. Explizit wird erwähnt, dass dies für alle Menschen gelte, «unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Geschlechtsidentität, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Hautfarbe und unabhängig davon, ob sie mit oder ohne Behinderung leben».
Diese berechtigte Feststellung der Stadt Zürich, respektive deren Gleichstellungsabteilung, scheint nach Ansicht der Behörden aber nicht ausreichend umgesetzt zu werden. Darum gibt es seit 2019 das Projekt «Zürich schaut hin» – mit dem Ziel, dass sich wirklich alle «frei und sicher» fühlen. Neu gibt es deswegen auch ein Meldetool, wo jeder Belästigungen im öffentlichen Raum melden kann. Anonym. Das Motto: Gemeinsam gegen Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit. Kostenpunkt: Stolze 135’000 Franken.

«Niederschwellig»

Das Sekretariat von Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) erklärt auf Anfrage, dass damit «Sichtbarkeit» geschaffen und «für Belästigungen im öffentlichen Raum und den Umgang damit sensibilisiert» werden könne. Die Meldungen können «einen Beitrag leisten», um mehr darüber zu erfahren, «welche Formen von Belästigung erlebt und beobachtet werden und wo diese stattfinden». 560 Nachrichten sind bisher eingegangen.
Überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Würde sich eine Gruppe organisieren – nehmen wir als abschreckendes Beispiel eine Neonazi-Verbindung –, könnte diese unauffällig von verschiedenen Geräten in unregelmässigen Abständen sexuelle Belästigungen, die ausschliesslich von Ausländern begangen werden, melden. Wie kann so ein seriöser Erkenntnisgewinn entstehen?
Aus dem Präsidialdepartement heisst es, dass die Eingaben laufend beobachtet werden: Sollten computergenerierte oder koordinierte Meldungen verzeichnet werden, würden entsprechende Massnahmen ergriffen werden.» Das Tool sei eine «niederschwellige» und leicht verständliche Möglichkeit – und damit für alle zugänglich.

Ziemlich schwammig

Das mag sein, ist aber eben auch anfällig. Und es fördert Eigenschaften, die nicht nur als sympathisch betrachtet werden können: In der NZZ hat sich ein Wissenschaftler ans Mittelalter erinnert gefühlt, als er vom Tool erfahren hat. Stichwort: Denunziantentum. Für das Präsidialdepartement ist das offensichtlich kein Problem, weil nicht nur auf die Personen, die Übergriffe melden, sondern auch auf die «Urheberschaft der Belästigungen» keine Rückschlüsse gezogen werden könnten.
Das stimmt nur bedingt. In einem Textfeld («Was ich noch sagen wollte») kann man das sehr wohl tun – auch wenn davon abgeraten wird. Diese Informationen werden zwar auf dem Server gelöscht, aber manuell verarbeitet.
Eine Meldung via Meldetool löst also auch keine polizeiliche Meldung aus. Die Frage muss erlaubt sein: Was bringt dann das Tool überhaupt?
Es ist nicht einmal so, dass das Projekt wissenschaftlich begleitet würde: Das sei «bisher» nicht vorgesehen, immerhin aber «denkbar». Die Meldungen werden, teilt das Präsidialdepartement mit, «Ende Jahr durch die Stadt Zürich und unter Einbezug weiterer in diesem Bereich tätigen Beratungsstellen ausgewertet. Je nach Ergebnissen der Auswertung können darauf basierend weitere Massnahmen definiert werden.» Viel kann, nichts muss?
Das Meldetool passt aber ganz gut zur gesamten «Zürich schaut hin»-Kampagne. Weitere geplante Massnahmen sind da etwa: Plakate und Beiträge im öffentlichen und virtuellen Raum, Veranstaltungen zur Sensibilisierung, die Förderung von Zivilcourage und Weiterbildungen für Berufsgruppen, die dem Thema in ihrem Arbeitsalltag begegnen. Das ist alles ziemlich schwammig und allfälliger Fortschritt schwer überprüfbar. Klar ist nur: Es kostet viel Geld.

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