«Wir haben 150 Mal mehr Lebensjahre verloren aufgrund der Coronamassnahmen»

«Wir haben 150 Mal mehr Lebensjahre verloren aufgrund der Coronamassnahmen»

Durch die Massnahmen gegen Corona sind weltweit 150 Mal mehr Lebensjahre verloren gegangen als das Virus hätte kosten könnte. Zu diesem Schluss kommt der Berner David Stalder in Zusammenarbeit mit zwei ETH-Absolventen und einem Mathematiker.

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von Stefan Millius am 7.6.2021, 07:00 Uhr
Kigali, Afrika: Ohne westliches Vorbild hätte es hier wohl gar keine Coronamassnahmen gegeben – und weniger Hungertote. (Bild: Pixabay)
Kigali, Afrika: Ohne westliches Vorbild hätte es hier wohl gar keine Coronamassnahmen gegeben – und weniger Hungertote. (Bild: Pixabay)
Es ist eine Rechnung, die kaum jemand macht und die wohl auch kaum jemand publizieren möchte. Denn es geht um verlorene Menschenleben und Lebensjahre, und es gilt als unfein, sie gegeneinander aufzurechnen. David Stalder aus Bern trieb das Thema aber schon früh in der Coronasituation um. «Ich habe mich gefragt, was zu mehr verlorenen Lebensjahren führen würde, das Coronavirus ohne jede Gegenmassnahme oder diese Massnahmen an sich. Ich denke, es ist auch für viele andere Menschen das zentrale Anliegen, dass möglichst wenige sterben», so Stalder.
Massnahmen für «falsch» gehalten
Motiviert dazu hatten ihn Erlebnisse im direkten Umfeld. Dort habe es Gruppen von Leuten gegeben, die die Anordnungen des Bundesrats und des Bundesamts für Gesundheit nicht nur befolgten, sondern sogar darüber hinausgingen. «Ich habe das Verhältnis zwischen dem Risiko durch das Virus und den Massnahmen stets für falsch gehalten, und ich wollte das weiterverfolgen und in Form von Grafiken darstellen.»
Also machte er sich daran, die Zusammenhänge zu untersuchen und entwarf Szenarien, die auf Studien und Hochrechnungen basieren. Das Ergebnis ist eine umfangreiche Präsentation, die der Mitarbeiter eines Medizinaltechnikunternehmens als Grundlage für Vorträge nutzt. Er stützt sich dabei ausschliesslich auf offizielle Quellen und Zahlen. Und er verzichtet beispielsweise darauf, eine Unterscheidung zwischen «an» und «mit» Corona Verstorbenen zu machen. Das hätte nur zu Diskussionen über die Definition geführt, so David Stalder, und es sei auch gar nicht nötig. «Denn das Resultat ist auch ohne diese Unterscheidung extrem deutlich.»
Herdenimmunität versus Massnahmen
Das Fazit der Berechnungen lautet: Die Massnahmen haben weltweit grob gesagt 150 Mal mehr Lebensjahre gekostet als das Virus hätte fordern können, wenn man auf die Herdenimmunität ohne jeden Schutz gesetzt hätte. Allein in der dritten Welt starben laut Stalders Einschätzungen zusätzlich 33 Millionen Menschen an Hunger aufgrund der Coronamassnahmen, fast doppelt so viele wie in «normalen» Jahren.

«Im Schnitt hätte jeder Hungertote noch über 27 Lebensjahre vor sich gehabt. Jedes Opfer von Covid-19 verliert durchschnittlich 2,5 Lebensjahre.»

David Stalder
Doch worin besteht der Zusammenhang zwischen Coronamassnahmen und verhungernden Menschen? Der Berner nennt eine Reihe von Faktoren. Es fliesst weniger Entwicklungshilfe, die Überweisungen in die 3. Welt halbierten sich, der Tourismus dort brach ein. Geschieht das nach und nach, könne sich ein Land auf die neue Situation einstellen, hier aber geschah es 2020 praktisch über Nacht. «Die 3. Welt war auf diesen rasanten Umbruch nicht vorbereitet und kennt keine Sozialsysteme, die das auffangen konnten.» Familien sei das Einkommen über Nacht weggebrochen.
Erhebungen von Organisationen, die sich dem Kampf gegen den Hunger verschrieben haben, zeigen die Folgen. Das «World Food Programme» (WFP) gibt in normalen Zeiten täglich Essen für beinahe 100 Millionen Menschen aus, die darauf angewiesen sind. Seit den Coronamassnahmen hat sich gemäss dem WFP nun jedoch die Zahl der Personen, die «am Rande des Verhungerns» sind, von 135 auf 265 Millionen praktisch verdoppelt.

Kopiert ohne Anlass

Besonders bitter ist das laut Stalder, weil die Situation in der 3. Welt ohne Not verschlimmert wurde. Dort habe man die Lockdowns der 1. Welt einfach kopiert. «Afrikanische Länder zum Beispiel haben gar nicht die Möglichkeit, ein neues Virus festzustellen, und aufgrund der sehr jungen Bevölkerung dort hätte man davon nichts mitbekommen», erklärt er, «das alles geschah nur unter unserem Einfluss.»
In unseren Breitengraden ist es nicht der Hunger, der zum Tod führt, sondern andere Faktoren in Verbindung mit den Coronamassnahmen. So seien 76 Prozent weniger Krebsuntersuchungen durchgeführt worden, allgemein gab es weniger Arztbesuche, die Suizidzahl steigt, ebenso die der Alkoholtoten, um nur einige Folgen zu nennen. Während die 3. Welt den Effekt unmittelbar verspürte, werde er sich bei uns mittel- bis langfristig zeigen.

Weniger Tote bei grassierendem Virus

David Stalder hat nicht den Anspruch, exakte Zahlen auf den Tisch legen zu können. Seine Erhebungen basieren auf Vergleichen zur Vor-Corona-Zeit, allgemein sei es oft schwierig, die entsprechenden Daten zu finden. Es gebe zudem wohl auch Folgen der Coronamassnahmen, die sich indirekt positiv auf die Zahl potenzieller Opfer ausgewirkt haben, beispielsweise die starke Reduktion der Flüge und damit eine sinkende Luftverschmutzung.
Unterm Strich gebe es für ihn aber keinen Zweifel daran, dass um Grössenordnungen weniger Menschen verstorben wären, wenn das Virus ungestört grassiert hätte. Ob man auf Gegenmassnahmen oder die Herdenimmunität setzt, ist letztlich eine politische Frage. Stimmen Stalders Erhebungen, ist aber ein Fragezeichen hinter die Behauptung zu setzen, der Kampf gegen Corona diene dem Schutz von Menschenleben.
Nah am Puls ist der Mann, der für einen führenden Implantatehersteller arbeitet, auch, was die Belegung der Spitäler angeht. Er erinnert sich an Dezember 2020, als der Bund wieder vor einer Überlastung des Gesundheitssystems warnte und sich dafür aussprach, auf Operationen zu verzichten, die um drei Monate hinausgeschoben werden können. In der Deutschschweiz habe sich kaum eine Klinik daran gehalten; seine Firma, die vorwiegend bei Wahleingriffen Material liefert, sei am Limit gelaufen, es wurde also fleissig operiert. Stalder: «Das wäre kaum der Fall gewesen, wenn es wirklich Kapazitätsengpässe in den Spitälern gegeben hätte.»
Quellen von David Stalder:
1. Welt Effekt der Massnahmen mittel- bis langfristig: Selbstmorde, Depressionen, Alkohol, Gewalt, Scheidungen (Ehepartner), Scheidungen (Kinder), mangelnde soziale Kontakte
www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7303469/
Verlorene Lebensjahre Hungertote:
Verlorene Lebensjahre COVID-Opfer:
Median COVID-Opfer & Lebenserwartung
Entwicklungshilfe:
Überweisungen in 3. Welt:
Krebs:
Arztbesuche:
Suizide:
Alkoholtote:

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