«Wir für euch»: Die Suche nach einem Phantom

«Wir für euch»: Die Suche nach einem Phantom

Wer sind die Polizistinnen und Polizisten, die sich in der Gruppe «Wir für euch» zusammengeschlossen haben und die aktuelle Coronapolitik kritisieren? Sie bleiben in der Anonymität, wohl aus guten Gründen. Doch die wichtigste Frage ist inzwischen geklärt: Ein Fake sind sie nicht.

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von Stefan Millius am 5.11.2021, 09:00 Uhr
Screenshot aus einem Video von «Wir für euch».
Screenshot aus einem Video von «Wir für euch».
Es war für viele Befürworter der Coronamassnahmen einigermassen verstörend, als vor einigen Monaten plötzlich eine neue Gruppe auf der Seite der Massnahmenkritiker auftauchte. «Wir für euch» nennt sie sich, und laut ihren eigenen Angaben besteht sie aus Polizistinnen und Polizisten. Der Berufsgruppe also, die aktuell vor allem damit beschäftigt ist, an Demonstrationen gegen die Coronapolitik für Recht und Ordnung zu sorgen. Das passiere dort aber eben gerade nicht, so die Botschaft von «Wir für euch».

Gerüchte über möglichen Fake

Polizisten, die den Staat kritisieren und die auf ihrer Webseite «Handlungsempfehlungen» geben, wenn Bürger von der Polizei wegen Verstössen oder fehlendem Zertifikat angegangen werden? Oder die gar Tipps geben, wie man Polizisten anzeigt? Das ging für viele nicht zusammen. Und deshalb wäre es ziemlich praktisch gewesen, wenn «Wir für euch» ein reiner Fake gewesen wäre: Massnahmenkritiker, die nur behaupten, bei der Polizei zu arbeiten und eine hübsche Webseite basteln.
Diese These kursierte bis vor kurzem. Vor allem, weil lange jeder Beleg dafür fehlte, dass Polizeikräfte hinter dem Ganzen stehen. Wer die Gruppe kontaktiert, erhält ein nettes Antwortmail mit einem Vornamen, aber ein Nachname oder gar ein Dienstgrad oder ein Arbeitgeber werden nicht mitgeliefert. «Wir für euch» bleiben in der Anonymität. Was es schwer macht, Authentizität zu belegen.

Mit Sicherheit Polizisten beteiligt

Doch inzwischen ist klar, dass sich bei «Wir für euch» tatsächlich Polizisten engagieren. Den Beleg dafür hat ironischerweise die Seite geliefert, die mit der Gruppe nichts zu tun haben will: Der Polizeiapparat. Das Zürcher Polizeikommando hat kürzlich zwei Polizisten freigestellt, weil sie sich bei den «Abtrünnigen» engagiert haben. Und aufgrund eines Videos eruierte die St.Galler Kantonspolizei, dass der Sprecher aus dem Hintergrund ein Mitglied ihres Korps ist. Der Mann ist derzeit krankgeschrieben, wenn er wieder zur Arbeit kommt, wird er zum Gespräch gebeten werden und muss mit beruflichen Konsequenzen rechnen.
Auf die beiden Zürcher Polizisten war deren Kommando aufgrund eines Artikels in der «Republik» gestossen. Dort hat man sichtlich wenig Verständnis für die Polizeiabweichler, wie schon der Titel besagt: «Von Polizisten, die glauben, über dem Gesetz zu stehen.» Die beiden Autoren mokieren sich auch mehrfach darüber, dass die Protagonisten von «Wir für euch» anonym bleiben. Wobei die «Republik» indirekt dafür gleich selbst einen guten Grund geliefert hat: Immerhin haben zwei Polizisten den Job verloren, nachdem durch ihre Recherche die Namen aufflogen. Eine ziemlich starke Motivation, sich nicht namentlich zu engagieren.

Im Austausch mit Berufsverband

Was aber natürlich den Dialog erschwert. Bereits im Februar 2021 meldete sich «Wir für euch» mit einem Schreiben beim Verband Schweizerischer Polizei-Beamter» (VSPB). Darin hielt die Gruppe fest, sie befürchte, dass die aktuellen Massnahmen «den Interessen der mündigen Allgemeinheit zuwiderlaufen und deren Grundrechte unverhältnismässig beschnitten werden.» Das sei für viele Polizisten problematisch, weil sie die besagten Massnahmen durchsetzen müssten. Vom Personalverband wünschte sich «Wir für euch», an den Bundesrat zu gelangen mit einer Reihe von Fragen rund um die Coronamassnahmen und die Impfkampagne.
Der VSPB reagierte, und zumindest dort schien schon damals niemand Zweifel daran zu haben, dass es sich bei der anderen Seite in der Tat um Polizisten handelte. «Geschätzte Kolleginnen und Kollegen», lautet die Anrede. Danach folgt allerdings eine Absage. Es würde zu weit gehen, so der Verband, sich an den Bundesrat zu wenden, zudem unterstehe man den Entscheiden der 61 Sektionen. Die einzige Möglichkeit bestehe darin, einen konkreten Antrag an den Zentralvorstand zu stellen.
Was wohl kaum passieren wird. Denn um zu überprüfen, dass der Antrag durch jemanden eingereicht wird, der dazu befugt ist – also ein Verbandsmitglied –, müsste darunter ein Name stehen. Und daran wird es scheitern. Denn vorläufig führt für «Wir für euch» wohl nichts an der Anonymität vorbei.
Nachtrag: Der Rechtswissenschafter Marcel Niggli ist auf die Berichterstattung der «Republik» über «Wir über euch» hier eingegangen:

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