«Vielleicht», «vielleicht». Die Experten wissen wenig über die Pandemie, spielen aber weiter mit im Panikorchester

«Vielleicht», «vielleicht». Die Experten wissen wenig über die Pandemie, spielen aber weiter mit im Panikorchester

Die Prognosen der Taskforce und auch des Bundesamts für Gesundheit bewahrheiten sich nicht. Die Zahlen zeigen, dass sich die Lage weiter verbessert. Was bringt diese Panikmache?

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von Sebastian Briellmann am 28.4.2021, 15:16 Uhr
Die Proteste gegen die Corona-Massnahmen nehmen zu: Hier eine Kundgebung vor dem Bundeshaus in Bern. Foto: Shutterstock
Die Proteste gegen die Corona-Massnahmen nehmen zu: Hier eine Kundgebung vor dem Bundeshaus in Bern. Foto: Shutterstock
Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), sagte am Dienstag: «Die epidemiologische Lage ist zum Glück besser. Seit zwei Monaten hat sich die Situation stabilisiert.» Aber warum dem so ist, konnte sie nicht sagen. Wegen den Impfungen? «Vielleicht», sagte Masserey. Wegen des schönen Wetters? «Vielleicht», sagte Masserey. Wegen mehr Selbsttests und Schnelltests? «Vielleicht», sagte Masserey.
Man darf zum Schluss kommen: Das BAG und vor allem die Corona-Taskforce wissen nicht viel. Aber sie warnen gerne. Und viel. Taskforce-Präsident Martin Ackermann warnte am 7. April vor einer «Überlastung der Spitäler» und wies darauf hin, dass der «Ostereffekt» erst in zwei Wochen erkennbar sein würde. Auch das BAG war der Meinung, dass die aktuellen Zahlen «mit Vorsicht» zu interpretieren seien. (Lesen Sie hier unsere Recherche: Panik-Prognosen bestimmen unsere Corona-Politik. Aber die Modellrechnungen treffen nicht ein…)
Trotzdem beschloss der Bundesrat sanfte Öffnungsschritte. Das war der Taskforce schon zu viel. Am 18. April, ein Tag vor Inkrafttreten der Lockerungen, sagte Ackermann in einem Interview mit der «Sonntagszeitung»: «Die Modellierungen der Taskforce zeigen eindeutig, dass schnelle Öffnungsschritte mit grossen Risiken verbunden sind. Die Empfehlung der Taskforce war deshalb, mit grösseren Öffnungen zu warten.»

Viel Konkjunktiv, wenig Substanzielles

Die Ökonomen in der Taskforce rechneten zudem vor, dass die Öffnungen mehr Kosten als Nutzen verursachten. Die ausbleibenden Einnahmen durch den Lockdown seien weitaus geringer als die Kosten durch verlorene Lebensjahre. Dabei rechneten sie allerdings mit einer Restlebensdauer zwischen 5,4 und 6,8 Jahren. Eine wohl zu hohe Zahl. (Lesen Sie hier: Lockdown-Rechnung: Harte Kritik an der Taskforce)
Und nun? Hört man weiterhin wenig Substanzielles und viel Konjunktiv. Taskforce-Mitglied und ETH-Professorin Tanja Stadler zum Beispiel sagte vor einer Woche im «Walliser Boten», dass der Impfschutz gegen die indische Mutation «möglicherweise schwächer sein könnte.»
Die Zahlen jedoch zeigen ein anderes Bild: Die Spitäler kommen weiterhin nicht an Grenzen (Auslastung, insgesamt und Intensivstationen: knapp 75 Prozent), davon sind gesamthaft knapp fünf Prozent Corona-Patienten, auf Intensivstationen rund 25 Prozent. Diese Werte bewegen sich im selben Rahmen wie in den letzten Wochen.
Die Anzahl der Todesfälle bleibt – vor allem im Vergleich zu unseren Nachbarländern – ebenfalls konstant tief (0,97 auf eine Million Einwohner im Sieben-Tage-Schnitt). Sieht so eine dritte Welle aus? Das hält die Taskforce aber nicht von ihren Panik-Prognosen ab. Vielleicht vergisst sie: Wer immer vor Gefahren warnt, die dann nie eintreffen, wird irgendwann nicht mehr gehört.
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