«Und wann bekommt ihr Kinder?»

«Und wann bekommt ihr Kinder?»

Hört endlich auf zu fragen. Kinderwunsch ist Privatsache.

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von Dominique Feusi am 8.4.2021, 15:04 Uhr
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«Ich dreh’ durch!», sagte die L., «wenn ich diese Frage noch ein einziges Mal höre, drehe ich durch! Und weisst du, was das Schlimmste ist? Dass ganz sicher spätestens heute Abend schon wieder wer fragt!» «Vielleicht schon heute Nachmittag», sagte ich.
Die L. ist 27, erfolgreich, bildschön, und hat ein Problem: Ihr Umfeld möchte wissen, wann sie und ihr langjähriger Partner denn endlich Kinder kriegen. Bitteschön! Dabei sind’s nicht mal die Eltern, die Druck machen. Beide haben Geschwister, «die zum Glück schon geworfen haben», sagte die L., «überall krabbeln und rennen Enkel rum, meine Mutter meinte, sie würde sich natürlich freuen, hätte mit den vorhandenen aber wirklich schon genug zu tun.» Es sind Freunde, Bekannte, Kunden, Nachbarn, manchmal Menschen, die sie kaum kenne, die beharrlich nach ganz Privatem fragen.

«Soll ich dir zeigen, wie’s geht?»


«Dabei weiss ich nicht mal, ob ich überhaupt Kinder will», sagte die L., «wir haben’s toll, ich bin glücklich, aber diese Fragerei nervt.»
Tja, aus eigener Erfahrung weiss ich, diese Fragerei hält noch ein bisschen an. So die nächsten 15 Jahre lang. Denn ich habe wirklich bereits jede erdenkliche Version gehört.
«Ihr seid doch schon so lange zusammen!», «Soll ich dir zeigen, wie’s geht?», «Ist deine innere Uhr kaputt?», «Hast du keine Angst, alleine zu sterben?», «Und wer bezahlt deine AHV?», «Und wer besucht dich im Altersheim?», «Und wer pflegt dich?», «Was stimmt eigentlich nicht mit dir?», «Du bist ein Soziopath!»
Wir leiden nicht unter Unterbevölkerung
Ganz ruhig. Einfach mal durchatmen. Vielleicht haben Sie es beim Osterspaziergang bemerkt, wir leiden nicht unter Unterbevölkerung. Und wenn sich jemand traut, keine Kinder zu haben, dreht sich die Welt morgen weiter. Es ist kein Affront gegen Ihren Lebensentwurf. Niemand hat Ihnen was getan. Es geht Sie nur einfach nix an.
Doch denken Sie immer daran, wie sich bei diesen Fragen jemand fühlen muss, der sich Kinder wünscht, aber keine haben kann. Jemand, bei dem’s nicht klappt, der etwas vermisst. Jemand, der Verluste erlitten hat, in Trauer ist. Eine Freundin hat vier Fehlgeburten hinter sich. Sie ist schon lange mit ihrem Mann zusammen, beide bezeichnen sich als «die Liebe ihres Lebens», haben sich zur Krönung dieser sehnlich Kinder gewünscht und sich jeweils himmelhoch jauchzend über die Schwangerschaft gefreut. Und dann war es so unglaublich traurig. Es hat einem jedes Mal das Herz umgedreht. Und ich könnte jedes Mal allen den Hals umdrehen, die fragen: «Und wann bekommt ihr endlich Kinder?»
«Eins ist keins!»
Aber auch Nachwuchs schützt vor Neugier nicht: Die A., eine junge Mutter aus dem Quartier, klagte schon vor Jahren: «Ich will doch nicht mit der halben Welt unsere Familienplanung besprechen! Was soll das?» Eine Nachbarin hatte ihr gleich beim Einzug besagte Frage gestellt. Als sie schwanger war, witzelten wir, sie solle doch jetzt bitte Informationszettel aushängen. Und nun, kaum ist der Sohn wenige Monate alt, wird sie von der impertinenten Nachbarin bedrängt: «Eins ist keins! Wann kommt das Zweite?»

«Die I. ist nicht schwanger, die ist nur fett!»


Man fragt übrigens auch nicht, ob jemand schwanger ist. Oder interpretiert die Information frei aus der Figur. Es ist schon einen Moment her, es war an einem Fest, da habe ich dem P. zur Vaterschaft gratuliert, und der P. sagte: «Die I. ist nicht schwanger, die ist nur fett!» Und die I. stand hinter ihm und sagte, dass er schon immer ein unsensibles Arschloch war, und dann haben sie sich getrennt. Fürwahr, nicht mein bester Moment.
Wenn Ihnen also die Frage auf der Zunge brennt, wenn Sie das nächste Mal unbedingt wissen möchten, ob Ihr Gegenüber bereits am Brüten ist oder endlich die Vermehrung plant: Halten Sie ganz spontan den Rand.

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