«Time is money» - ein Sprichwort wird abgeklopft

«Time is money» - ein Sprichwort wird abgeklopft

Mit Sprichwörtern ist das so eine Sache. Meistens ist etwas Richtiges dran, aber oft auch etwas Falsches. Manager sollten deshalb zweimal überlegen, ob sie mit Sprüchen wie «Time is money» ihre Mitarbeiter antreiben wollen. Warum?

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von Gottlieb F. Höpli am 27.8.2021, 10:00 Uhr
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Die Ferien sind vorbei. Unternehmen müssen wieder – mindestens! – auf die vorherige Betriebstemperatur gebracht werden. Schluss mit südlichem Schlendrian! Drum bringen Vorgesetzte jetzt ihre Mitarbeiter gerne mit Sprüchen wie «Zeit ist Geld» auf Zack. Aber auch im Privatleben werden zögerliche Mitmenschen immer wieder mal auf diese Weise angetrieben. Die womöglich auf irgendeiner südlichen Piazza eben noch von einem der alten Männer, die den lieben langen Tag dort sitzen, zu hören bekamen «Chi va piano va sano e lontano»… Lob der Langsamkeit? Nicht, wenn es wieder ernst gilt!
Dass man Menschen, wenn sie nach den Ferien wieder in ihr Tätigkeitsfeld zurückkehren, manchmal mithilfe eines Schubsers ins kalte Wasser der nicht nur angenehmen täglichen Verrichtungen stossen muss, ist bekannt. Und an sich ja kein schlechtes Rezept. Aber man sollte nur einmal schubsen. Schwimmen müssen die Mitarbeiter nämlich auch dann, wenn der Chef sie nicht permanent vom Beckenrand anfeuert.
Wer Mitmenschen dauernd zu höherem Tempo antreibt, sei’s in der Firma, in der Schule, im Militär oder auch in der Familie, spornt oft nur zu Aktionismus oder – schlimmer noch – zu blossem «So-Tun-als-ob» an. Das Ziel geht dabei, wenn’s dumm läuft, aus den Augen verloren. Ganz nach einem anderen Sprichwort, mit dem wenigstens kein Mitmensch angespornt wird: «Als wir das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.»
Time is money, Zeit ist kostbar: Das ist ja, wenn man die eigene Lebenserfahrung abklopft, ohnehin eine höchst fragwürdige Behauptung. Wie war das denn in der eigenen Jugend- oder Studienzeit? Da hatte man endlos viel Zeit. Die sich aber nicht in Geld umwandeln liess, das man nicht hatte. Später, wenn man ins Erwerbsleben einstieg, stand mehr Geld zur Verfügung. Das man in den kürzer gewordenen Ferien ausgab – manchmal vielleicht als Kompensationshandlung für die abhanden gekommene Zeit der Freiheit, die jetzt zur kommunen Freizeit geworden war.
Bis man in der Situation jenes amerikanischen Managers landete, der dem Indianer zuschaute, welcher den ganzen Tag am Wasser sass und fischte. Diesem wortreich die Vorteile einer Karriere schilderte, an deren Ende man viel Geld hatte. «Und was tust du dann?» fragte der Indianer. «Dann kannst du den ganzen Tag am Wasser sitzen und Fische fangen,» lautete bekanntlich die Antwort des Managers.
Für den gewöhnlichen Sterblichen jedenfalls geht die Gleichung «Zeit ist Geld» nicht auf. Eher heisst für ihn die Gleichung: Entweder hast du das Eine oder das Andere, hast du Zeit oder Geld. Das sollte bedenken, wer seine Mitarbeiter mit dem Sprichwort «Zeit ist Geld» die Sporen geben will. Könnte nämlich sein, dass die dabei plötzlich ins Grübeln geraten.

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