«Sturm aufs Bundeshaus?» Machen Sie mal halb lang, Herr Nause

«Sturm aufs Bundeshaus?» Machen Sie mal halb lang, Herr Nause

Der Berner Polizeidirektor Reto Nause brüstet sich, einen möglichen Sturm aufs Bundeshaus verhindert zu haben. Das ist fahrlässiger Unsinn.

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von Philipp Gut am 17.9.2021, 11:00 Uhr
Die Polizei ging mit Wasserwerfern und später auch mit Gummischrot und Tränengas gegen die Demonstranten vor. (Bild: Keystone /Peter Klaunzer)
Die Polizei ging mit Wasserwerfern und später auch mit Gummischrot und Tränengas gegen die Demonstranten vor. (Bild: Keystone /Peter Klaunzer)
Es gärt im Land: Nach der Grossdemonstration gegen die Zertifikatspflicht vergangene Woche in Bern haben sich gestern schon wieder ähnlich viele Demonstranten in der Bundesstadt versammelt. Schätzungen gehen von 10'000 bis 20'000 Menschen aus, Junge, Alte, Linke, Rechte. Eine bunte, weitestgehend friedliche Schar, vereint im Protest gegen die autoritären Massnahmen des Bundesrats im Umgang mit dem Corona-Virus.
Zu reden und zu schreiben geben nun allerdings nicht die immer massiveren Massnahmen, die Grundrechte und Freiheit brachial einschränken, und auch nicht die bemerkenswerte Tatsache, dass dies innert Tagen zweimal ein ganzes Fussballstadion von besorgten Bürgerinnen und Bürgern mobilisiert hat. Die Schlagzeilen prägen vereinzelte angebliche Gewaltausbrüche und der Einsatz der Polizei, die Wasserwerfer und sogar Tränengas gegen die Demonstranten auf dem Bundeshausplatz eingesetzt hat.

Politiker mit dem Megafon

Mit schwerem Geschütz fuhr aber nicht nur die Polizei auf, sondern auch ihr politischer Chef Reto Nause (Die Mitte), Direktor für Sicherheit, Umwelt und Energie der Stadt Bern. Auf Twitter rief er mit dem publizistischen Megafon: «Polizei verhindert möglichen Sturm aufs Bundeshaus. Heikler Einsatz an aggressiver Massnahmen-Skeptiker-Demo. Danke für das Vorgehen!»
Sturm aufs Bundeshaus? Im Ernst jetzt? Das erinnert natürlich an den Sturm aufs Capitol, wenn nicht an Schlimmeres. Mit Verlaub, Herr Nause: Das ist masslos übertrieben. Dass Sie Ihre Mannen loben und zu Helden (v)erklären, sei Ihnen unbelassen. Aber wahren Sie bitte die Relationen und erzählen Sie keinen Unsinn.
Was tatsächlich passiert ist, geht in dem medialen und politischen Getöse unter. Die Recherchen laufen, doch gesichert ist bisher: Einige Demonstranten rüttelten an Absperrgittern, die mit Sicherheitsabstand vor dem Bundeshaus angebracht waren. Diese Gitter sind stabil verankert und elastisch. Ein «Sturm auf das Bundeshaus» war zu keinem Zeitpunkt zu erkennen, auch nicht in Ansätzen.

Angriff der Antifa

Was es aber gab – und darüber ist bis jetzt keine Zeile geschrieben worden – sind mehrere gewalttätige Angriffe der Antifa aus dem Umfeld der Berner Reitschule. In einem Video, das dem Nebelspalter vorliegt, ist zu sehen, wie ein schwarzgekleideter und vermummter Linksextremer vor dem Bundeshaus ein Mitglied der Security der Demonstranten angreift und ihm die Zähne herausschlägt. Ein anderer Angreifer rempelt ihn zu Boden. Wo waren da Nauses Mannen?

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