«Pflegeengpass lässt sich mit ökonomischen Anreizen überwinden»

«Pflegeengpass lässt sich mit ökonomischen Anreizen überwinden»

Werner Widmer, Kenner des Schweizer Gesundheitssystems, erklärt, wie das Angebot an Intensivbetten erhöht werden könnte. Er vermutet hinter der Furcht vor Überlastung die Angst vor dem eigenen Tod und warnt davor, sich über die Realität in den Intensivstationen Illusionen zu machen (Teil 2 von 2).

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von Peter Kuster am 1.12.2021, 19:00 Uhr
Gut vernetzt mit den Akteuren im Schweizer Gesundheitssystem:  Werner Widmer (links) an einer Medienkonferenz zur gemeinsamen Gesundheitsregion beider Basel im Februar 2018. Bild: Keystone
Gut vernetzt mit den Akteuren im Schweizer Gesundheitssystem: Werner Widmer (links) an einer Medienkonferenz zur gemeinsamen Gesundheitsregion beider Basel im Februar 2018. Bild: Keystone
Am Donnerstag wird Gesundheitsökonom Werner Widmer, der aufgrund seiner beruflichen Tätigkeiten den Alltag und den Betrieb in den Spitälern genau kennt (siehe Kasten «Zur Person» in Teil 1), an der Freiheitsfeier des Liberalen Instituts den Röpke-Preis für Zivilgesellschaft entgegennehmen. Damit wird sein Beitrag zur Aufwertung der Eigenverantwortung im Gesundheitsdiskurs gewürdigt.
Werner Widmer hat zusammen mit Prof. Konstantin Beck, Gesundheitsökonom an der Universität Luzern, mit dem Buch «Corona in der Schweiz», kritisch zur Pandemiepolitik der Behörden Stellung genommen. Der «Nebelspalter» unterhielt sich mit dem Preisträger in spe über die Situation in den Intensivpflegestationen und über das Argument der negativen externen Effekte, das auch in der Coronakrise herangezogen wird, um staatliche Eingriffe zu rechtfertigen.
Herr Widmer, haben Sie als langjähriger ehemaliger Spitaldirektor Verständnis für Ihre Exkollegen, die periodisch in den Medien eindringlich vor einer Überlastung der Intensivpflegestationen warnen?
Ist es tatsächlich verantwortungsvoll, das ganze Land in Schrecken zu versetzen, wenn die eigene Intensivstation einige Tage lang voll besetzt ist, ohne vorher abzuklären, ob die Nachbarspitäler noch Platz haben? Während der ganzen Pandemie standen jeden Tag mindestens 200 Betten in den Intensivstationen leer. Der Engpass entsteht beim Pflegepersonal in den Intensivstationen, auch dadurch, dass viele wegen einer Quarantäne, deren Ursache nicht im Arbeitsalltag liegt, tagelang ausfallen und so in den Pflegeteams fehlen.
Eine starke, aber vorübergehende Lohnerhöhung wäre ein starker Anreiz für das Pflegepersonal, den Beschäftigungsgrad zu erhöhen. Dadurch könnte der Engpass in einer Krise überwunden werden.
Vielfach wird argumentiert, einschneidende Massnahmen seien auch deshalb nötig, weil das Angebot an Intensivbetten und vor allem an dem dafür benötigten Pflegepersonal nicht erhöht werden könne. Trifft dies zu?
Unser Gesundheitswesen kostet mehr als 80 Milliarden Franken pro Jahr. Da stimmte etwas mit der Zuteilung der Ressourcen nicht, wenn die halbe Schweiz lahmgelegt wird, weil nur 865 Intensivbetten betrieben werden. Das Angebot an Intensivbetten könnte in einer Pandemie erhöht werden.
Und wie wollen Sie das bewerkstelligen?
Ökonomisch gesehen erfordert das einen höheren Preis: Sobald sich ein Engpass auf den Intensivstationen ankündigt, könnte der Bundesrat den Tarif erhöhen, den die Spitäler für die Behandlung eines schwer kranken Pandemiepatienten auf der Intensivstation verrechnen können. Er könnte beispielsweise die Grundpauschale für diese Fälle um 50 oder 100 Prozent erhöhen. Die Spitäler wären so in der Lage, den Lohn des hochqualifizierten Pflegepersonals auf den Intensivstationen massiv zu steigern. Damit die Pflegenden dann ihren Beschäftigungsgrad nicht reduzieren, sollte der hohe Lohn nur bei einem Beschäftigungsgrad von 100 Prozent angeboten werden. Das könnte auch Teilzeitpflegende auf den Intensivstationen motivieren, ihren Beschäftigungsgrad vorübergehend auf 100 Prozent zu erhöhen. Vorübergehend, weil der höhere Tarif wieder sänke, wenn die Zahl der pandemiebedingten Intensivpatienten zurückginge. Zudem wäre es so möglich, ehemalige IPS-Pflegende für einen kurzfristigen Einsatz zu motivieren.
Wäre das nicht sehr kostspielig?
Selbst wenn die Löhne der vollzeitlich angestellten Pflegenden mit zweijährigem Nachdiplomstudium in Intensivpflege auf über 20'000 Franken pro Monat zu liegen kämen, wäre eine solche Überwindung des Pflegeengpasses für die Gesellschaft immer noch viel günstiger als alle anderen Massnahmen, mit denen in der Pandemie versucht wurde, die Intensivstationen vor zu vielen Patienten zu schützen.
Und was wären die Folgen?
Da es Platz für mehr Patienten hätte, wären keine einschneidenden Massnahmen mehr nötig. Die Gesellschaft müsste aber akzeptieren, dass in der Folge mehr Personen angesteckt würden. Insgesamt nähme logischerweise auch die Zahl der Todesfälle zu. Ich bin nicht sicher, ob das Argument, die Intensivstationen müssten vor einer Überlastung geschützt werden, letztlich nicht mehr die Angst vor der eigenen Ansteckung oder gar dem eigenen Tod ist...
...was ja durchaus nachvollziehbar wäre.
Doch viele Menschen machen sich Illusionen und glauben, auf den Intensivstationen könnte allen Patienten geholfen werden. Die Realität sieht – ob mit oder ohne Corona – anders aus: Von den über Achtzigjährigen, die länger in Intensivpflege sind und künstlich beatmet werden, überlebt etwa die Hälfte, und bei der Hälfte der anderen Hälfte hinterlässt die Behandlung oft gravierende Nebenwirkungen. Das liegt auch daran, dass gut drei Viertel aller über Achtzigjährigen insgesamt mindestens eine Vorerkrankung aufweisen.

Externe Effekte: «Solidarität ist keine Einbahnstrasse»
In der Pandemie rechtfertigen viele Ökonomen die Staatseingriffe mit dem Argument, dass diese nötig seien, weil es bei ansteckenden Krankheiten negative externe Effekte gebe (zu externen Effekten siehe auch Teil 1 und Teil 2 eines anderen Artikels). Menschen, die das Virus ungehemmt verbreiten, gefährden Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören. Deshalb muss der Staat intervenieren. Für Werner Widmer greift diese Analyse aber zu kurz, weil sie übersieht, dass der medizinische Fortschritt und der Ausbau der Gesundheitsversorgung die Zahl der verwundbaren Personen stark steigen lassen haben – und dass es deshalb entgegengesetzte negative Effekte gebe. «Viele Menschen können heute mit chronischen Krankheiten leben, die früher zum Tod führten; die Zahl der vulnerablen Personen hat also zugenommen», erläutert er. «Dadurch ist auch die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass ein Virus auftritt, das eine bestimmte Risikogruppe bedroht.»
Wenn diese nun aber aufgrund einer Bedrohung eine massive Einschränkung der Freiheitsrechte der nicht Bedrohten einfordert, hat dies auch einen negativen externen Effekt auf die übrige Bevölkerung. Es sind also zwei entgegengesetzte Effekte zu berücksichtigen: die medizinische Bedrohung der Vulnerablen durch die Unvorsichtigen und die Einschränkung der Gesunden durch die präventionsbedingten Zwangsmassnahmen zum Schutze der Vulnerablen. «Solidarität ist keine Einbahnstrasse», hält Widmer fest und plädiert dafür, die Scheuklappen abzulegen und Lösungen zu finden, die allen Bevölkerungsgruppen gerecht werden und soweit als möglich auf Eigenverantwortung basieren.
Die Stimmbürger haben sich am Wochenende klar für die «Pflegeinitiative» ausgesprochen. Wird dies die Attraktivität des Pflegeberufs erhöhen und dadurch mittelfristig die Situation in den Spitälern entschärfen?
Die Pflegeinitiative verdrängt die Tatsache, dass ein grosser Teil der Pflege in den Spitälern und insbesondere in den Pflegeheimen nicht von diplomierten Pflegefachpersonen, sondern von Fachangestellten Gesundheit mit einer dreijährigen Ausbildung erbracht wird. Wenn man beide Gruppen mitzählt, hat es in der Schweiz mehr Pflegepersonen (Vollzeitstellen) pro 100'000 Einwohner als in jedem anderen europäischen Land. Ich denke, dass es kaum möglich sein wird, aus einem Jahrgang von 20-Jährigen noch viel mehr junge Menschen für eine Pflegeausbildung zu gewinnen.
Die Forderungen der Pflegeinitiative könnten erfüllt werden, wenn es gelingt, erstens mehr Fachangestellte Gesundheit dazu zu motivieren, sich zur diplomierten Pflegefachperson weiterzubilden und zweitens pflegeintensive stationäre Behandlungen in den ambulanten Bereich zu verlagern.
Was schlagen Sie vor?
Die Forderungen der Pflegeinitiative könnten deshalb auf zwei Wegen erfüllt werden: Erstens müssten mehr Fachangestellte Gesundheit fähig und willig sein, die zweijährige Weiterbildung zur diplomierten Pflegefachperson zu absolvieren. Ein höherer Lohn für alle diplomierten Pflegefachpersonen wäre eine Motivation, würde aber das Gesundheitswesen noch mehr verteuern. Zweitens könnten stationäre Behandlungen, die viel Pflegepersonal brauchen, in den ambulanten Bereich verlagert werden, wo eher Medizinische Praxisassistentinnen zum Einsatz kommen.
In Teil 1 warnt Werner Widmer davor, dass die staatliche Pandemiebekämpfung dazu führt, dass die Eigenverantwortung im Gesundheitsbereich verkümmert und zeigt auf, dass absolute Sicherheit unverhältnismässig teuer ist.

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Kusters Wochenschau 3/2022

Peter Kuster20.1.2022comments

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