«Mass-Voll»-Gründer Rimoldi: Provokateur vom Dienst

«Mass-Voll»-Gründer Rimoldi: Provokateur vom Dienst

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von Sebastian Briellmann am 30.3.2021, 09:48 Uhr
Nicolas Rimoldi, Kopf der Bewegung «Mass-Voll».
Nicolas Rimoldi, Kopf der Bewegung «Mass-Voll».
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Nicolas A. Rimoldi ist mit seiner Jugendbewegung, die sich gegen die «Corona-Zwangmassnahmen» wehrt, auf Dauerwerbesendung. Auf seinem Weg hinterlässt der 26-Jährige aber viel verbrannte Erde. Wer ist dieser Mann?

Nicolas A. Rimoldi kommt ein bisschen verspätet zum vereinbarten Gespräch. Das Tram fährt nicht, wie es fahren sollte. Aber Rimoldi ist bereits im Interviewmodus, schreibt Kurznachrichten, weist auf Veranstaltungen hin. Der Luzerner, 26 Jahre alt, ist momentan omnipräsent. Fast täglich gibt er Interviews. Am Samstag gab es ein Porträt in den Titeln von «CH Media», am Montag ein Interview in der Pendlerzeitung «20 Minuten».
Rimoldi ist Co-Gründer der Bewegung «Mass-Voll». Junge Menschen wähnen ihre Zukunft in Gefahr. Mitte März machte die Gruppe in Liestal an einer Demonstration mit über 5000 Menschen wieder auf sich aufmerksam. Und das soll erst der Anfang gewesen sein. Solche Gruppierungen gibt es einige. «Mass-Voll» ist aktuell besonders präsent und immer mittendrin: Rimoldi. Oft tritt er mit einer Zigarre in der Hand auf. Er ist der Kopf der Bewegung, kein Zweifel. Und er ist ein Kopf, der viele vor den Kopf stösst.
Dass in Liestal auch Verschwörungstheoretiker, Antisemiten und Flacherdler mitgelaufen sind: Will er nicht gesehen haben, wie er danach auf seinen Kanälen verbreitet. Und dass bei «Mass-Voll» auch Menschen mitmachen, die zu Verschwörungstheorien neigen, ist allerdings unbestritten: Olivier Chanson, Mitglied bei der Jungen SVP in Zürich und bei «Mass-Voll» im Kernteam, hat etwa schon von «Bevölkerungsaustausch» gesprochen.
Rimoldi blockt solche Themen seit Wochen weg, verweist auf die Meinungsfreiheit und auf seine Arbeit mit Menschen aus allen politischen Lagern: «Ich bin Pazifist und wir sind eine friedliche Bewegung.» Dass die Stimmung kippen, in Aggression münden könnte, hält auch er für möglich: «Das besorgt mich.» Es sei der «Bundesrat», der die Menschen erzürne.

Politisch im Asyl

Unzufrieden ist auch Rimoldi. Seit einem Jahr ist er nicht mehr beim Coiffeur gewesen – «ich wollte schon immer mal lange Haare haben. Geschnitten werden sie nun aber erst, wenn wir unsere Freiheiten zurück haben».
Die diplomatische Sprache ist nicht sein Ding, öfters schiesst er übers Ziel hinaus. Ein Bericht über Gefängnisse für Massnahmenverweigerer übertitelte er mit dem Satz: «In Deutschland bauen sie wieder Lager.» Solche Sätze sind schwer zu legitimieren. Bei Rimoldi heisst es dann oft: War gar nicht so gemeint.
Wohl auch darum ist er innerhalb von zwei Jahren aus einem «Polit-Talent» ein Einzelkämpfer geworden. Mit seiner Partei, der FDP, liegt er im Dauerclinch – in Luzern wurde er aus der Sektion ausgeschlossen, Asyl fand er im zürcherischen Hettlingen.
Ihn scheint es nicht zu kümmern. Er sagt: «Ich habe Mitleid mit Menschen, die öffentlich nur in Erscheinung treten, um andere mit gesponnenen Schwurbeleien anzufeinden. Missgunst ist eine hässliche Sache. Ich vertrete meine Linie, bin immer gesprächsbereit und liebe die angeregte Debatte.»
Angeregt heisst bei ihm, dass er gerne austeilt, manchmal auch beleidigt, sich immer wieder verrennt und im Ton vergreift – und auch auf der bürgerlichen Seite viel Widerstand produziert. Ein Provokateur vom Dienst.
Frühere Mitstreiter erzählen ihre eigenen Geschichten mit Rimoldi. Luis Deplazes, Präsident der Jungfreisinnigen in Zürich, sagt: «Dass jemand so viel Drive und Energie mitbringt, ist bewundernswert. Stimmt jedoch der Umgang mit den Parteikollegen nicht und wird immer gleich alles medial ausgeschlachtet, ist das Engagement leider wenig förderlich.»
Kim Rast, Präsidentin der Jungfreisinnigen in Luzern, sagt: «Für den Bruch hat er sich selber entschieden. Es war immer schwierig, mit ihm zusammenarbeiten. Es gab viele Meinungsverschiedenheiten und mühsame Diskussionen.» Aktuell droht Rimoldi der Präsidentin mit einer Anzeige (dem «Nebelspalter» liegt die Nachricht vor). Offenbar wegen Beleidigung. Darüber sprechen will Rimoldi nicht. Austeilen, aber nicht einstecken?
Was er dagegen durchzieht: Kritiker auf Twitter werden blockiert. Rimoldi sagt: «Ich rede mit allen. Aber Beleidigungen muss ich mir nicht antun. Memes über mich sind meistens amüsant, aber wird einer ausfällig: Zack, Block.» Ist das liberal?
Nicolas A. Rimoldi ist ein Mann der Widersprüche. Er ist ein guter Geschichtenerzähler, hat ein freundliches Auftreten, spricht mit leiser, angenehmer Stimme. Er studiert Ethnologie, interessiert sich für die Welt. Aber er reicht auch ungefragt Zitate nach, die er gerne über sich lesen würde. Das Porträt, so der Eindruck, ist in seinem Kopf bereits geschrieben.

Austeilen kann er

Wie wird jemand so, wie er heute ist? Schon als Kind habe er gelernt, dass er sich durchboxen müsse. Der Vater starb früh. Rimoldi war schwierig im Umgang, konnte dank Stipendien auf eine Privatschule nach Bern gehen, lernte Kung-Fu, und fand sich selbst.
Laurent Widmer war in Bern sein Lehrer. Er sagt: «Nicolas ist stark im vernetzten Denken. Unsere Kampfsport-Lektionen und viele Wanderungen haben ermöglicht, dass er dieses Denken beibehalten konnte und nicht den Boden unter den Füssen verloren hat.» Über Rimoldis heutiges Aufteten sagt Widmer: «Er kann gut austeilen, und weiss, dass er damit viel Resonanz bekommt. Er sucht diese Resonanz auch bewusst.» Dass dies nicht bei allen gut ankomme, und Gegenreaktionen erzeuge, sei klar.

Keine Reue

Zu Beginn seiner politischen Karriere war das anders: Mit 18 trat er der FDP bei. Noch vor zwei Jahren macht er Wahlkampf für die Freisinnigen, klingelt an Türen wie alle anderen auch, ist Teil des Teams. Heute ist er tief enttäuscht von der FDP-Parteileitung, sieht sich als Vertreter der Basis, während das Establishmeht nach links gedriftet sei. «Deswegen verlieren wir eine Wahl nach der anderen.»
Meistens sind die anderen schuld: Der Bundesrat? Eine Katastrophe. Die jetzige Situation? Reine Unterdrückung. Die FDP? Auf der Intensivstation.
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Er legt sich mit allen an: Nicolas A. Rimoldi.
Rimoldi sagt aber auch, dass er einiges bereue: «Ich hatte in der Vergangenheit nicht immer die richtigen Worte gefunden und dadurch Menschen verletzt. Das tut mir leid.» Aber sonst sei er mit sich im Reinen, die Kritik am Freisinn «notwendig und berechtigt». Inhaltlich stünde er damit nicht alleine da, aber eben, seine Art.

«Ich will helfen»

Rimoldi gibt sich unbesorgt. Mit seiner Bewegung im Rücken fühle er sich gut, mit seinem öffentlichen Leben auch. Dass es in der Politik ziemlich einsam um ihn geworden ist, will er nicht bestätigen: «Ich war noch nie so engagiert wie heute. Meine Postfächer explodieren. Viele haben Angst, melden sich deshalb privat bei mir und sagen: Gut, dass du dich traust. Ich stehe hinter dir.»
Rast dagegen sagt: «Wegen ihm haben uns in Luzern einige Mitglieder den Rücken zugewandt. Er vertritt nicht unsere Positionen – er arbeitet für sich und seine Freiheit.»
Rimoldi, von solchen Vorwürfen aufgewühlt, greift zum verbalen Zweihänder: «Meine Loyalität gilt der Freiheit, nicht den Dienern der Knechtschaft. Feind, Todfeind, Parteifreund. Es irritiert mich, dass in dieser freiheitsfeindlichen Zeit gewisse Leute lieber persönliche Kämpfe führen, anstatt vereint für das Wohl der Schwächsten zu kämpfen».
Er will jetzt aber alte Gräben schliessen, sagt er weiter: «Es geht mir nur um die Sache, Ämtchen und Pöstchen interessieren mich nicht.» Angriff, Waffenstillstand, Angriff – diese Taktik hat er in den Jahren perfektioniert. Aber solche rhetorischen Spielchen können sich mit der Zeit auch abnutzen.
Bisher kommt Rimoldi damit durch. Aber für wie lange, wenn er so oft verbrannte Erde hinterlässt, sich viele Menschen von ihm abwenden? Es scheint durchaus möglich, dass er seine Anti-Corona-Massnahmen-Bewegung in eine politische umwandelt.
Dazu mag Rimoldi, ausnahmsweise, nicht viel erzählen. Er plane nie weit voraus, er sei glücklich mit seinem Job als Verantwortlicher Onlineredaktion und Marketing beim Magazin «Schweizer Monat» – und mit seiner Arbeit bei Mass-Voll». Mehr passe in einen Tag kaum hinein. Auch auf Kosten des Privatlebens.
Und dennoch sagt er: «Ich habe mich noch nie so frei gefühlt wie heute.»
Mitarbeit: Sandro Frei
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