«Läck, du siehst heute aber schlecht aus!»

«Läck, du siehst heute aber schlecht aus!»

Von einer Begegnung der unfreundlichen Art. Von der Sexyness der alten Falter. Und von passiv-aggressivem Bullshit. Heissa, das wird ein Ritt!

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von Dominique Feusi am 15.11.2021, 10:05 Uhr
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«Läck, du bist aber auch alt geworden!», sagt die I., als wir uns zufällig auf der Strasse begegnen. «Läck, du auch!», denke ich, denn wir haben uns zehn Jahre nicht gesehen und genau das ist in den zehn Jahren geschehen, wir sind beide, Achtung, Spoiler-Alarm, zehn Jahre älter geworden! Das kommt in den besten Familien vor. Die I. ist zudem zehn Jahre fetter geworden, sie schaut jetzt aus wie die dicke Raupe Nimmersatt, die sich durch die letzte Dekade gefressen hat.
Nein, das sage ich natürlich nicht. Man ist ja freundlich. Ich stehe nur perplex da und denke: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Okay, und etwas konkreter: Wer trotz Übergewicht ein Gesicht wie Dörrobst hat, soll die anderen zufrieden altern lassen.

Alter Falter!

Alter Falter, natürlich bin ich älter geworden, c'est la vie, zudem ist mir in den letzten zehn Jahren meine so liebevolle und lustige Familie weggestorben, so was zieht nicht spurlos an einem vorbei. Doch man sieht mir auch das viele Lachen an, offensichtlich habe ich auf Lachfalten Mengenrabatt, sie greifen im Rudel an. Kennen Sie das, wenn Sie sich morgens im Spiegel sehen und denken: Was bitte schön soll denn DER Scheiss jetzt?
Tja, halt der Alterungsprozess. Auch wenn Sie nicht vor dem Spiegel stehen, so ganz allgemein zusammengefasst bringt die Frage den Handlungsablauf des Alterns gut auf den Punkt. Man steht morgens auf und denkt: Was bitte schön soll denn DER Scheiss jetzt?
Und dann geht man zum Arzt und sagt:
ABER DAS HATTE ICH VORHER NOCH NICHT!?!
Ist Ihnen das auch schon passiert? Haben Sie zu medizinischem Personal auch schon mal mit grosser Ernsthaftigkeit gesagt: «Aber das hatte ich vorher noch nicht!?!» Im Fall! Und weshalb schreibt diese eminent wichtige Diagnose-Information jetzt niemand auf? HALLO? Und dann überlegt man so und bemerkt, tja, ob gebrochener Arm, Darmdurchbruch oder Ekzem: «Aber das hatte ich vorher noch nicht!?!», ist wahrscheinlich der Nummer-1-Grund, um zum Arzt zu gehen.

Ein bisschen angeschossen

Wegen den Falten im Gesicht möchte ich aber nicht zum Arzt. Ich habe schon ein wenig gelebt, und das darf man auch sehen. «Ein bisschen angeschossen» hat die A. diesen Sachverhalt an ihrem 43-Zigsten vortrefflich formuliert: «Ich bin ja jetzt auch schon ein bisschen angeschossen!»
Ich steh’ ja auf «ein bisschen angeschossen». «Ein bisschen angeschossen» ist sexy. Bei Männern. Bei Frauen. Auf die A. stehe ich ohnehin, die A. ist ein ganz scharfer Käfer, und es gibt kaum jemanden, der die A. kennt und nicht auf sie steht, aber dazu ein andermal.
Ausserdem ist «ein bisschen angeschossen» charmant formuliert. Darauf steh’ ich ohnehin. «Läck, du bist aber auch alt geworden!», ist hingegen schlicht unfreundlich. Das gehört in die gleiche Abteilung wie: «Läck, du siehst heute aber schlecht aus!» Die I. rühmt sich dann gerne damit, «einfach ehrlich zu sein». Das würden wahre Freunde eben tun.

Passiv-aggressiver Bullshit

Das ist passiv-aggressiver Bullshit. Pardon, aber in der Geschichte menschlicher Begegnungen hat sich nach «Läck, du siehst heute aber schlecht aus!» noch nie jemand besser gefühlt. Absender ausgenommen. Als guter Freund sagt man das nur, wenn man den Adressaten fünf Minuten später in die Klinik fährt. Ansonsten gilt: Wer gute Absichten hat, sagt was, das das Gegenüber besser fühlen lässt.
Und wie die I. so vor mir auf dem Trottoir steht und weiterhin ihren passiv-aggressiven Bullshit versprüht, fällt mir ein, was ich am Altern ganz fantastisch finde: Man weiss, was man will. Und man weiss noch viel besser, was man nicht mehr will. Und man traut sich sogar, diese Dinge auszusprechen und durchzusetzen. Man ist zwar äusserlich etwas zerknittert, dafür innerlich fein. Echt jetzt, ich möchte nicht mehr zwanzig sein.
Und als die I. sagt: «Läck, wir müssen unbedingt mal wieder abmachen, vielleicht mal ein Essen bei uns daheim?», sage ich tiefenentspannt:
«Läck, nein.»

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